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Ist Angriff die beste Verteidigung?
D ie Bush-Doktrin als Antwort auf den 11. September VON THOMAS SPECKMANN Der gute Mensch von Hollywood fühlt sich mißverstanden. Steven Spielberg ist nicht für einen Krieg gegen den Irak. Dabei hat er mit "Minority Report" einen Science-Fiction-Film gedreht, in dem Mörder verhaftet werden, noch bevor sie ihr Verbrechen begehen können, Washington im Jahre 2054.
Von einem solchen Szenario können die Bürger am Potomac nur träumen. Im Oktober wußten sie nicht einmal, ob sie abends noch lebten. Ein Heckenschütze versetzte die Stadt in Angst und Schrecken. Zehn Tote hatten die Kugeln aus seinem Präzisionsgewehr gefordert, bevor er gefaßt werden konnte. Selten war die Fiktion im Kinosaal reizvoller als die Realität auf der Straße.
Dies dürfte auch der amerikanische Präsident denken. George W. Bush hat Spielbergs Vision einer präventiven Verbrechensbekämpfung zur neuen Doktrin seiner Außenpolitik erhoben. Der Fall Irak ist der Schlüssel zur Idee einer Defensiven Intervention. Gelingt es, die Diktatur am Tigris endgültig auszuschalten, ohne den gesamten Nahen Osten in ein Chaos zu stürzen, so hat sich die Konzeption einer globalen Vorwärtsverteidigung der USA erstmals bewährt. Scheitert Bush, so sind die Folgen unabsehbar. In Washington geht es heute nicht allein um das "ob" eines Schlages gegen Bagdad, geschweige denn um das ""wie" und das ""wann".
Die Kernfrage ist: Sind die Amerikaner in der Lage, einen Mehrfrontenkrieg gegen den internationalen Terrorismus zu führen, ohne sich selbst zu überanstrengen? Bushs Bilanz ist wenig ermutigend. Die Debatte über die Risiken und Nebenwirkungen eines "Desert Storm II" hat weltweit die Augen geöffnet für die Dimensionen des "Krieges gegen den Terror": Die USA und damit der Westen insgesamt stehen vor militärischen Herausforderungen, angesichts derer die Interventionen auf dem Balkan wie kleinere Scharmützel erscheinen. Und im Vergleich zum Irak ist der Iran weit fortgeschrittener in der Entwicklung seiner nuklearen Fähigkeiten, von den Rüstungspartnern in Nordkorea ganz zu schweigen.
Hier hat Bushs globale Doktrin bereits ihre erste Grenze erreicht. Washingtons Verbündete, insbesondere die Mitglieder der Nato, müssen sich der Frage stellen, ob sie ihre bisherige Strategie, die weder einen präventiven konventionellen noch einen nuklearen Erstschlag vorsieht, der Bush-Doktrin anpassen wollen, wie auf ihrem Prager Gipfel angedeutet. Eine Frage, die für die Zukunft der Nato weit entscheidender sein dürfte als ihre Osterweiterung oder das Verhältnis zu Rußland. Denn ein Bündnis mit zwei globalen Konzepten ist nicht handlungs- und damit überlebensfähig in einer Zeit, in der "unsere Gegner viel mehr über uns wissen als wir über sie, und in manchen Fällen sogar mehr über uns, als wir über uns selbst", wie es Anfang August im Pentagon-Briefing zu "Millennium Challenge 2002" hieß, dem bislang größten virtuellen Manöver der Kriegsgeschichte.
Doch was nutzen solche Theoriespiele, wenn es bereits in der afghanischen Praxis hakt? Wie mühsam und letztlich nicht erfolgreich Operationen gegen kleine Terroristenzellen sind, ohne gleichzeitig ihre Financiers und Schutzmächte auszuschalten, haben die bisher sämtlich gescheiterten Versuche gezeigt, größere Gruppen versprengter Taliban- und Al-Kaida-Kämpfer im Osten und Süden Afghanistans effektiv zu bekämpfen. Der afghanische Kriegsschauplatz droht für die Amerikaner und ihre Verbündeten zu einer Sackgasse zu werden. Fest entschlossen, die Fehler Moskaus nicht zu wiederholen, muß Washington eingestehen, ebendiese nicht immer vermeiden zu können.
Die Intention des amerikanischen Engagements hat zwar nichts gemein mit der sowjetischen
Okkupationspolitik des Kalten Krieges. Strategische und taktische Parallelen zeichnen sich dennoch ab. Wie die Rote Armee muß die in Kabul stationierte Internationale Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) Ortschaften, Flugplätze und Landstraßen verteidigen.
Wie die "Mudschaheddin" können sich die Taliban- und Al Qaida-Kämpfer auf Überfälle und Hinterhalte beschränken. Zeit spielt für sie keine Rolle. Wie die sowjetischen können auch die alliierten Spezialeinheiten nur zeitweilig in die Rückzugsgebiete ihrer Gegner vorstoßen. Für ein engmaschiges Netz von Stützpunkten reichen ihre Kräfte ebenfalls nicht aus.
Während die Verluste der "Allianz gegen den Terror" im jeweiligen Fall eindeutig zu beziffern sind, verkommen die Meldungen über getötete Taliban- und Al Qaida-Kämpfer oftmals zur Spekulation. Was in Vietnam nüchtern "Body-Count" genannt wurde, erlebt hier eine Renaissance. Auch Afghanistan entwickelt sich mehr und mehr zu einem Krieg der Statistiker, nach deren Berechnungen der Feind immer kurz vor dem Zusammenbruch steht, um dann doch eine neue Offensive zu beginnen. Die Angaben über seine Stärke schwanken zwischen 900 und 10 000 Mann.
Gegenüber dem aussichtslosen Kampf der Sowjets gegen die "Mudschaheddin" haben die Amerikaner jedoch einen entscheidenden Vorteil. Sie können ihren Gegner nicht nur bis, sondern auch über die Grenze nach Pakistan hinein verfolgen. Längst ist hier eine weitere Front eröffnet worden. Rund tausend US-Soldaten fahnden zusammen mit dem FBI nach untergetauchten Kämpfern von Al Qaida und Taliban. Mehrfach ist es dabei bereits zu Gefechten gekommen. Eine Ausdehnung des Kampfgebiets, die an ähnliche, jedoch nicht nachhaltig erfolgreiche Operationen gegen den Ho-Tschi-Minh-Pfad in Laos und Kambodscha erinnert.
Bei der innenpolitischen Situation in Afghanistan deuten sich ebenfalls Parallelen an zur Lage nach dem sowjetischen Einmarsch. Während die Rote Armee ein vom beginnenden Bürgerkrieg geschwächtes, von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehntes und von den Stämmen bekämpftes kommunistisches Putschregime schützen mußte, ist die Isaf bemüht, die labile Regierung des neugewählten Präsidenten zu stabilisieren. Solange Hamid Karzai jedoch über keine eigene schlagkräftige Armee verfügt, die den stark auf ihre Selbständigkeit bedachten Gouverneuren in den Provinzen gewachsen ist, wird seine reale Macht nur so weit reichen wie die seiner kommunistischen Vorgänger: bis kurz vor die Tore Kabuls.
Die bislang ungeklärten Morde an Vizepräsident Hadschi Abdul Kadir und Tourismusminister Abdul Rahman sowie der gescheiterte Anschlag auf Karzai selbst wecken sogar daran Zweifel. Den Amerikanern gegenüber verhalten sich die Warlords zwar bisher loyal, doch beruht ihr Bündnis auf hohen Dollar-Zahlungen Washingtons. Sollten die Spannungen im Land weiterhin zunehmen, könnte das erkaufte Wohlverhalten der Provinzfürsten rasch schwinden.
Auch aus Südostasien, wo die Amerikaner bereits Ende 2001 eine zweite Front gegen den Terrorismus eröffnet hatten, kamen die Siegesmeldungen zu früh. Die muslimischen Fundamentalisten in Indonesien und auf den Philippinen geben sich nicht geschlagen. Mit dem nach dem 11. September blutigsten Anschlag auf Bali und einer Serie von Attentaten auf den Philippinen haben sich die islamistischen Terrorgruppen medienwirksam zurückgemeldet. Dabei war ihr Ende bereits beschlossene Sache, zumindest nach dem Willen Washingtons und Manilas.
Ende Juli 2002 hatten die Amerikaner ihren Anti-Terror-Einsatz auf den Philippinen offiziell beendet. Zugleich begannen sie, einen Großteil ihrer Soldaten wieder abzuziehen. Sechs Monate lang hatten rund 1200 Militärberater auf der Insel Basilan im mehrheitlich muslimischen Süden des Landes 3500 philippinische
Soldaten für den Kampf gegen die Abu Sayyaf geschult und ausgerüstet. Beide Seiten bezeichneten den Einsatz als Erfolg: Die islamistischen Rebellen, denen die USA Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida nachsagen, sollten "vernichtet", ihr Anführer Abu Sabaya erschossen worden sein.
Allein die Wirklichkeit sieht anders aus: Den auf Entführungen spezialisierten Terroristen haben die offiziell als Manöver deklarierten Operationen der amerikanischen und philippinischen Streitkräfte weniger zugesetzt als von Washington und Manila zunächst behauptet. Daher sah sich das Pentagon im vergangenen Oktober gezwungen, ein zweites "Manöver" zu beginnen, das sich nicht wie das erste auf den Süden beschränkte, sondern auf mehrere, über die Philippinen verstreute Militärstützpunkte ausgedehnt wurde. Erfolgsgekrönt scheint diese Operation ebenfalls nicht gewesen zu sein wie die aktuelle Verlegung tausender Elitesoldaten auf die Insel Jolo vermuten läßt.
Nun sollen die Marines auch aktiv in die Kämpfe eingreifen. Erinnerungen an Vietnam werden wach. Ob der nach Afghanistan zweite asymmetrische Krieg gegen den Terrorismus für die Amerikaner zu gewinnen ist, bleibt fraglich. Wie im pakistanisch-afghanischen Grenzland unübersichtliche Bergregionen die Suche nach versprengten Taliban- und Al-Kaida-Kämpfern erschweren, steht Washington im Pazifik ein unkontrollierbares Labyrinth von Tausenden von Inseln gegenüber. Stellen die Philippinen mit ihren 7107 Archipelen, davon lediglich rund 860 bewohnt, bereits eine gewaltige Herausforderung dar, so ist Indonesien mit seinen 18108 Eilanden kaum mehr zu überblicken.
Der Feldzug in Afghanistan hat Teile der indonesischen Gesellschaft radikalisiert und die Vision eines panasiatischen Muslimstaats entstehen lassen. Islamisten, die in den Reihen der Taliban und Al Kaida gegen die Amerikaner gekämpft haben, sind laut Geheimdienstberichten in dieser mit über 200 Millionen Einwohnern größten muslimischen Nation untergetaucht. Die USA stehen vor einem zweifachen Dilemma: Einerseits scheint Indonesiens Präsidentin Megawati Sukarnoputri derzeit nicht in der Lage, ohne massive amerikanische Hilfe gegen die militanten Islamisten vorzugehen. Andererseits fördert das Weiße Haus mit seinem Engagement eine Politik, die Menschenrechte systematisch verletzt und die Dominanz korrupter Militärs eher stärkt denn schmälert. Hier zeigt sich, welchen Preis die Amerikaner zu zahlen haben, um die mühsam geschmiedete "Allianz gegen den Terror" beisammen zu halten.
Unter Bill Clinton konnte sich Washington noch von den autoritären Regimen in Südostasien distanzieren. Seit dem 11. September und unter George W. Bush gelten andere Prioritäten. "Wir diktierten die Politik für eine Terra incognita", erklärt der ehemalige Verteidigungsminister Robert McNamara das Debakel von Vietnam in seinen Memoiren. Ein Schuldbekenntnis, das seinem Amtskollegen Donald Rumsfeld im "Krieg gegen den Terror" hoffentlich erspart bleibt. Der Autor ist Historiker und Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.