RESERVISTEN-RATINGEN
Im Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e. V.

Russland ist wieder Weltmacht

I n Europa standen sich im Kalten Krieg an der Nahtstelle der Zonengrenze zwei Machtblöcke waffenstarrend gegenüber: Auf der einen Seite der Warschauer Pakt unter der Führung der Sowjetunion mit ihren gleichgeschalteten Satellitenstaaten - auf der anderen Seite die NATO als Verteidigungsbündnis Westeuropas und Nordamerikas, um eine Expansion des Kommunismus Einhalt zu gebieten. Wir erinnern uns noch gut an die Panzerdivisionen, die Übungen der verbundenen Waffen in der Norddeutschen Tiefebene, bei denen es darum ging, die mehrfache Übermacht des Warschauer Pakts aufzureiben – wenn nötig, auch mit Atomwaffen.

Wir erinnern uns an die Bilder in den Medien, als Gorbatschow die alten Strukturen der Sowjetunion aufbrach und das Land unter dem Druck finanzieller Krisen und Misswirtschaft in ein neues Zeitalter führte. Nach 80 Jahren Kommunismus ging die Diktatur des Proletariats in Osteuropa zu Ende, war diese Illusion der Geschichte vorbei. Die Sowjetunion zerfiel in diverse Nachfolgestaaten, von denen die Russische Föderation eindeutig das grösste Land war. Die Welt atmete auf, war doch von heute auf morgen die Hauptbedrohung aus Osteuropa Geschichte geworden. Neben den Änderungen in der ehemaligen Sowjetunion haben dann auch noch die Satellitenstaaten Osteuropas die Selbständigkeit gesucht und erhalten. Sicherlich ging das nicht alles konfliktlos ab, aber in den meisten Fällen waren nach relativ kurzer Zeit die alten Regime beseitigt und es entstanden Demokratien nach westlichem Muster.

Die Sowjetunion hatte aufgehört zu existieren, den Warschauer Pakt gab es nicht mehr. Die ehemals zahlenmässig weit überlegenen Warschauer Pakt Truppen verkümmerten und waren bald nur noch ein Schatten ihrer selbst. Damit war USA die einzige noch verbliebene Supermacht – und nutzte das so entstandene Machtvakuum natürlich aus. Russland hatte genug mit sich selbst zu tun, musste seine Wirtschaft neu ordnen, Staatskonzerne privatisieren und die Bevölkerung richtete sich unter der neuen Regierung Gorbatschow ein. Die Sowjetarmee wurde zur Russischen Armee und verblasste zunehmend. Man hatte sich noch nicht ganz von den roten Sternen getrennt, hatte auch noch keine neue Identität gefunden. Die aus der zerfallenden DDR und anderen osteuropäischen Ländern sang- und klanglos zurückkehrenden Besatzungstruppen kehrten in ein Land zurück, das im Aufbruch begriffen war. Für Militär war in dieser Zeit weder Geld noch Interesse da. Viele Offiziere wurden hiermit nicht fertig und gaben sich die Kugel – andere Soldaten verfielen dem Alkohol, die Disziplin war dahin, die einst so glorreiche sowjetische Armee, die die grösste Last des Zweiten Weltkrieges getragen hatte und die 1945 mit der Schlacht um Berlin Nazi-Deutschland endgültig besiegt hatte, war jetzt nur noch eine leere Hülle.

In den Zeiten der grossen Änderungen auch unter Jeltzin entstanden neue Wertesysteme in Russland, der Nachholbedarf der Bevölkerung an Konsumgütern nahm den grössten Stellenwert ein. Militär war „out“. Für junge Menschen war es normal, sich für Dollars freizukaufen. Wer aus unteren Bevölkerungsschichten kam und kein Geld hatte, der musste in der Armee dienen.


                                      

Ich erinnere mich noch gut an die Worte meines Vaters, als er vor vielen Jahren eine Dokumentation über die Sowjetische Armee nach der Wende sah. Er schüttelte nur den Kopf und meinte, dass das nicht mehr die displinierte und hart kämpfende Armee war, gegen die er 1941 bis 1944 vor Leningrad und in den Wäldern des Wolchow hautnah kennengelernt und respektiert hatte. Nach der langen Zeit des Kalten Krieges, in dem diverse „Stellvertreterkriege“ mit oder ohne direktem Engagement der beiden Supermächte stattfanden, zog sich nach der Wende die Russische Armee aus internationalen Konflikten heraus. Es gab kein „Afghanistan“ mehr, vielleicht noch ein Tschetschenien, oder Kleinkrieg in abtrünnigen bzw strittigen Gebieten bzw Grenzgebieten. In all diesen Konflikten machte die Russische Armee keine gute Figur. Die Armeeführung ohne klares Konzept, Offiziere ohne „Drive“ und alles andere als ein Vorbild, undisziplinierte Soldaten, oft aus asozialen Verhältnissen stammend. Dazu kam das Gerät, das noch samt und sonders aus sowjetischen Arsenalen stammte, in schlechtem Zustand und längst veraltet war. Also kein Gegner für das westliche Verteidigungsbündnis mehr. Man könnte meinen, dass Westeuropa und die USA damit ihr Ziel erreicht hätten und die NATO eigentlich keine Existenzberechtigung mehr hätte.

Dann war allerdings mit den Anschlägen des 11. September 2001 eine ganz neue Bedrohung geboren worden. Die dann entstandene Allianz gegen den internationalen Terrorismus wurde von Anfang an auch von Russland unterstützt. Von den Militärinterventionen gegen die Taliban in Afghanistan und gegen das Saddam-Regime im Irak hat sich Russland allerdings immer distanziert, die Militäroperationen der USA und ihrer Koalition allerdings defacto toleriert. Jetzt wurde es allerseits klar, dass eine einseitig – und oftmals ohne NATO – agierende USA als Weltmacht auch nicht unbedingt zur globalen Stabilisierung beitrug. Aber was sollte Russland schon im Gegenzug unternehmen? Ohne funktionierende Streitkräfte war Russland kein ernstzunehmender Gegner mehr, der auf Augenhöhe mitreden konnte.

Wladimir Putin, zunächst ein eher unscheinbarer Mann, dem man am Anfang sicherlich nicht allzuviele Chancen einräumte, in der Russischen Föderation Veränderungen herbeizuführen, entpuppte sich allerdings nach einiger Zeit durchaus als fähiger Präsident. Mit der ihm eigenen Art einer Mischung aus Autokratie, Demokratie, alten Seilschaften, autoritären Zügen und der Vision eines wieder erstarkenden Russlands setzte Putin über die Jahre seine Strategie durch.

Aber nun ein Blick zurück auf den Krieg zwischen Georgien und Russland über die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien und Abchasien im Jahre 2008. Was zeigt uns dieser Konflikt, über den wir ja bereits vor einiger Zeit im Rahmen einer sicherheitspolitischen Veranstaltung in Hilden diskutiert haben?

                                    

Der georgische Präsident Saakaschwili hatte sich mehr und mehr an USA angelehnt und wollte seine Pläne verwirklicht sehen, in die NATO aufgenommen zu werden. Damit wäre die Aussengrenze zur NATO erheblich näher an das russische Kernland gerückt und die NATO hätte einen recht labilen und unberechenbaren Bündnispartner gewonnen. Die Bekämpfung der Eigenständigkeitsbestrebungen Südossetiens und Abchasiens hatte Saakaschwili zu einem Zeitpunkt gestartet, wo die ganze Welt intensiv die Olympischen Spiele in China verfolgte und viele Menschen nicht einmal wussten, wo denn diese Gebiete überhaupt sind.

Russland hatte dies nicht akzeptiert und eine militärische Operation gegen die georgischen Streitkräfte gestartet, die sich in wesentlichen Punkten von den militärischen Unternehmungen vorher unterschied: Die Operation war von langer Hand gut geplant und zielorientiert durchgeführt. Die Russische Armee zeigte sich als disziplinierte, ausgebildete Truppe. Der schlechte Eindruck, den wir aus früheren Konflikten kannten, gehörte der Vergangenheit an. Russland gab sich eindeutig selbstbewusst und entschlossen. Das tägliche Briefing des russischen Stabschefs, der so ganz anders war als die alten, aufgedunsenen Generäle der früheren Sowjetarmee, lief professionell ab und erinnerte an die amerikanischen Briefings aus der Zeit des Irak-Krieges.

Es ist zwar richtig, dass die russischen Streitkräfte immer wieder betont hatten, man erwartete nicht, dass man wegen dieser Operation geliebt würde, aber man wollte respektiert werden auf Augenhöhe. Die Darstellung des georgischen Gegners in russischen Medien wurde durch das bekannte "Krawattenkauen" Saakaschwilis oder das ängstliche Deckungnehmen bestimmt, aber generell kann man feststellen, dass die Präsentation in der Öffentlichkeit – neudeutsch „PR“ genannt – Russlands bei derartigen Operationen verbessert werden sollte im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattung. Während Saakaschwili in fliessendem Englisch sogar in Talkshows agierte, war das Auftreten russischer Politiker eher verhalten und fast ausschliesslich in russischer Sprache. Das führte dann wiederum dazu, dass Übersetzungen in westlichen Medien dann nicht korrekt wiedergegeben wurden und dadurch der Sinn völlig entstellt wurde.

Ich hatte erfreulicherweise die Möglichkeit, Interviews zu diesem Thema mit hochrangigen Politikern im russischen Fernsehen zu verfolgen (auch in englischsprachigen Programmen wie Russia Today), in denen durchaus die russische Vorgehensweise in diesem Krieg sehr kritisch hinterfragt wurde.

Russland ist also wieder eine erstzunehmende Weltmacht auf der internationalen Bühne. Daraus ein neues Bedrohungszenario herzuleiten wäre sicherlich genauso fehl am Platze wie einen neuen Kalten Krieg vorherzusagen. Wir müssen nur einfach akzeptieren, dass dieses Russland nach einer Phase der Schwäche durch interne Probleme jetzt wieder in der ersten Liga weltpolitisch mitspielt. Wir müssen einfach lernen, Russland und dessen Situation besser zu verstehen, mit Russland umzugehen ohne gleich wieder in stereotype Beurteilungen zu verfallen.

Hptm. d.R. Dipl.-oec. Ralph W. Göhlert

Beauftragter für die Sicherheitspolitik
im Kreis Düsseldorf des
Reservistenverbandes VdRBw