Auf Spurensuche in Ostpreussen
Exkursion in das Königsberger Gebiet - Vor 60 Jahren ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen und das Nazireich versank in einem Meer von Blut und Tränen. Die Medien haben hierüber ausreichend berichtet. Deutschlands Städte waren nur noch schwelende Ruinen, als die Truppen der Siegermächte Einzug hielten. Über 55 Millionen Menschen verloren in den sechs Jahren Krieg weltweit ihr Leben, Soldaten und Zivilisten gleichermaßen.
Den Höhepunkt erreichte der Krieg im Osten. Die Ostfront war der Inbegriff des Schreckens für die deutschen Soldaten. Im Osten wollte Hitler seine beiden Hauptziele verwirklichen: die Eroberung von "Lebensraum im Osten" und die Ermordung der Juden Europas. Nach drei Jahren Krieg mit der Sowjetunion waren die deutschen Truppen auf ihrem Rückzug wieder an den alten Reichsgrenzen angelangt, von wo aus der Vernichtungskrieg im Juni 1941 begann. Im Oktober 1944 erreichte die Rote Armee im Osten deutschen Boden ab jetzt wurde auf deutschem Boden gekämpft. Nun wurden die Ostpreußen Opfer eines Hasses, den die Deutschen selbst gesät hatten.
Zwei Mitglieder des Volksbundes aus Düsseldorf und dem Ammerland, Ralph Göhlert und Wilfried Harbers, unternahmen im Frühjahr 2005 eine einwöchige Reise in den heute russischen Teil Ostpreussens, um auf Spurensuche zu gehen. Die intensive Planung und Vorbereitung dauerte fast ein halbes Jahr und beinhaltete die Aufarbeitung des historischen Hintergrundes sowie auch das Abstecken einer möglichst umfassenden Reiseroute. Die Väter beider Mitglieder waren Kriegsteilnehmer, der eine im Westen, der andere im Osten. Grund genug, die Geschehnisse nachzuzeichnen. Während der Vater von Wilfried Harbers an der Westfront kämpfte und später in Gefangenschaft geriet, war Ralph Göhlerts Vater Gustav vor 64 Jahren, also von März bis Juni 1941, als Soldat der Wehrmacht bei Eydtkau im ehemaligen Ostpreussen an der damals deutsch-sowjetischen Grenze stationiert. Er diente in der 121. (ostpr.) Infanteriedivision, InfRgt 407, in der 10. Kompanie und nahm am gesamten Russlandfeldzug teil bis hin zur späteren Belagerung Leningrads und den Kämpfen in den urwaldlichen Wolchow-Niederungen.
Aus aktuellem Anlass gab es drei wesentliche Gründe für diese militärhistorische Exkursion in das heutige Kaliningrader Gebiet:
1. Der Angriff der Wehrmacht im Juni 1941 auf die Sowjetunion und insbesondere der Besuch der damaligen Bereitstellungsräume um Eydtkau.
2. Der Kampf um Ostpreußen und damit einhergehend dessen Verlust für Deutschland, der sich zum 60. Male jährt.
3. Zum Gedenken an die gefallenen deutschen Soldaten bei den Kämpfen um Ostpreußen war es selbstverständlich, dass auch einige Kriegsgräberstätten auf dem Programm standen: Die Soldatenfriedhöfe in Pillau, Königsberg und Tilsit wurden besucht und ich legte im Namen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. einen Kranz mit Schleifen nieder.
Die Reise führte im bequemen Reisebus von Norddeutschland über Berlin durch Polen bis an die russische Grenze bei Grünau (russ. Gronowo). Hier mussten alle Insassen den Bus verlassen und mussten sich einer intensiven Überprüfung unterziehen. Ohne weitere Verzögerung ging es dann direkt bis zum Zentralen Omnibusbahnhof in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, wo uns unsere kundige Reiseführerin Tatjana in fließendem Deutsch begrüßte.
Die erste Station unserer Reise war die alte Seestadt Pillau (russ. Baltijsk), die erst seit kurzem für Ausländer zugänglich ist. Aber für eine Sondergenehmigung war bereits im Vorwege gesorgt. Pillau war erbaut als befestigter Vorhafen von Königsberg am Pillauer Tief, der natürlichen Verbindung zwischen dem Frischen Haff und der Ostsee, am Ende des Königsberger Seekanals. Traurige Berühmtheit erlangte Pillau durch die Evakuierung von vielen Tausenden von Flüchtlingen und Soldaten während der russischen Belagerung Königsbergs durch Einheiten der Kriegsmarine. Allein am 25. April 1945 sind noch einmal 20.000 deutsche Soldaten und 7.000 Verwundete mit Landungsbooten, Fischereifahrzeugen und Lastkähnen evakuiert. Seekommandant Kapitän Strobel meldete danach: “Der Kampf um Pillau ist beendet. Pillau ist nur noch ein rauchender Trümmerhaufen.“ Nach dem Krieg wurde Pillau wieder Marinehafen der russischen Baltischen Flotte. Eher kleine Schiffseinheiten sind hier beheimatet, im Hafen liegen auch zwei moderne Schwimmdocks. Die alten Befestigungsanlagen aus dem 19. Jahrhundert werden teilweise ebenso wie die alten Kasernen noch heute von der russischen Marine genutzt.
Der deutsche Soldatenfriedhof in Pillau liegt in einer Dünenlandschaft und ist mit Strandhafer, Strandrosen und Kiefern bepflanzt. Mittelpunkt ist der Gedenkplatz mit den Hochkreuzen. Tafeln aus Granit tragen die Namen der bekannten Gefallenen. Auf dem Friedhof ruhen auch 204 Opfer des Flüchtlingsschiffes "Wilhelm Gustloff", das von einem russischen U-Boot 1945 versenkt wurde. Allein bei dieser Katastrophe kamen über 5.000 Menschen ums Leben. Die Anlage vermittelt einen sehr guten Eindruck, übersichtlich, sehr schön angelegt, und gepflegt durch den Volksbund.
Auf dem Wege nach Königsberg erfolgte eine Stippvisite im Ostseeheilbad Rauschen (russ. Svetlogorsk), das malerisch gelegen und eine Vielzahl schöner Häuser aufweist. Die zahlreichen Cafés laden zum Verweilen ein, Bernstein wird in vielen Geschäften und Verkaufsständen angeboten.
In und um Königsberg (russ. Kaliningrad) übernahm Juri die Führung. Juri, ein pensionierter Oberstleutnant der russischen Artillerie, sprach ebenfalls fließend Deutsch (er war acht Jahre in Ostdeutschland stationiert) und kannte sich sowohl in der neueren Geschichte als auch in militärischen und waffentechnischen Fragen exzellent aus. Bei einer ausgiebigen Stadtrundfahrt durch das heutige Kaliningrad wies er insbesondere auf die noch aus deutscher Zeit erhaltenen Bauten hin und gab uns viele Informationen. Obligatorisch war natürlich auch ein Besuch des Königsberger Doms, der wie viele andere Bauwerke der Stadt, im August 1944 durch zwei britische Bombenangriffe schwer beschädigt wurde. Er stand noch bis 1992 in Ruinen . Erst seit einigen Jahren wird er wieder aufgebaut. Die äußeren Fassaden sind bereits wieder erstanden, die Kirchenschiffe innen sind zur Zeit noch in Arbeit.
Das Stadtmuseum in Königsberg beinhaltet eine reichhaltige Sammlung von alten Fundstücken aus deutscher Zeit sowie natürlich auch die Darstellung des Sturms auf Königsberg im Frühjahr 1945, allerdings einzig aus russischer Sicht. Zahlreiche Waffen und Exponate beider Seiten runden das Bild ab — beeindruckend war insbesondere auch ein grosses Diorama von Strassenzügen mit Kampfszenen — durch die Geräuschkulisse fühlte man sich förmlich in die schrecklichen Kriegsereignisse zurückversetzt.
Am 31. Januar 1945 wurde Königsberg von sowjetischen Truppen eingekesselt. In den Kellern der ausgebombten Stadt lebten zu diesem Zeitpunkt noch 130.000 Menschen, denen die Flucht nicht mehr gelungen war. Mit dem Sturm auf die Festung Königsberg Anfang April 1945 begann für die Zivilbevölkerung ein dramatischer Überlebenskampf, den lediglich jeder fünfte überleben sollte.
Der Befehlsbunker des letzten Festungskommandanten von Königsberg, General Otto Lasch, stand selbstverständlich auch auf dem Programm. Das Innere des Bunkers war wirklichkeitsnah wieder aufgebaut und konfrontierte den Besucher mit vielen Fotos über die Endphase der Kämpfe bis zur Übergabe am 9. April 1945.
Der deutsche Soldatenfriedhof in Königsberg befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Zivilfriedhofs Cranzer Allee, der nach 1946 in Vergessenheit geriet. Bei Bauarbeiten der Stadt Kaliningrad stieß man auf ein Massengrab, dort ruhen etwa 4.000 bis 5.000 Bombenopfer, die 1944/45 bei Angriffen auf die Stadt Königsberg umgekommen waren. Seit dem Jahre 2000 erhalten hier Gefallene aus dem Stadtgebiet und der Umgebung die letzte Ruhe.Zusätzlich wurde hier 3.459 deutsche Soldaten zugebettet; die voraussichtliche Belegung liegt bei 14.500. Der Volksbund hat in erstklassiger Weise den Charakter des alten Friedhofes bewahrt; alte Wege wurden wieder instandgesetzt, der alte Baumbestand blieb erhalten. Am Gedenkplatz sind Granitstelen mit dem Namen der bekannten Gefallenen errichtet worden. Bei der Begehung begrüßte uns ein alter Russe, der sich als “Bewacher” um die Anlage kümmert, denn Grabraub ist leider immer noch an der Tagesordnung.
Von Königsberg ging die Reise weiter über Labiau (russ. Polessk) nach Tilsit, dem heutigen Sowjetsk, an der Mündung der Tilse in die schiffbare Memel gelegen. Bekannt durch den Tilsiter Frieden, der 1806/07 den Krieg beendete, wurde im Juli 1807 hier Frieden zwischen Frankreich und Russland einerseits sowie zwischen Frankreich und Preußen geschlossen. Neben ausgiebigen Besichtigungen der Stadt stand natürlich auch die Militärgeschichte auf dem Programm. Das heutige Wahrzeichen der Stadt, die Luisenbrücke, trennt das heutige russische Kaliningrader Gebiet von der unabhängigen Republik Litauen, die seit kurzem Mitglied der EU ist. Das früher auf dem Marktplatz befindliche Tilsiter Elch-Standbild musste nach 1945 einem T-34 Panzer inmitten eines russischen Ehrenmals für russische Soldaten weichen. Ein Besuch der Tilsiter Schule Nr. 8 gehörte ebenso zum Programm wie das Kennenlernen der Lebens und Treiben der Stadt.
Im Namen des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge legten wir einen Kranz nieder auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Tilsit. Hier ruhen 514 Deutsche und 486 Russen aus dem Ersten Weltkrieg sowie 801 Deutsche aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Waldfriedhof wurde im Ersten Weltkrieg angelegt. Während des Zweiten Weltkrieges war Tilsit Lazarettstadt und auf dem Waldfriedhof wuchs die Zahl der Soldatengräer ständig an. 1945 ebnete die Wehrmacht die Gräber aus dem Zweiten Weltkrieg vor dem Rückzug ein. An den Mulden in einer grossen Wiese erkannte man Anfang der 90er Jahre, dass hier Gefallene beerdigt wurde.
Einer der Höhepunkte der Exkursion war der Besuch der russischen Panzerkaserne in Tilsit. Unsere rührige Reiseführerin Tatjana konnte aufgrund ihrer guten Kontakte arrangieren, dass wir als erste Besucher aus dem Westen durch das Kasernentor das ansonsten hermetisch abgeschirmte Kasernengelände betreten konnten. Ein noch recht junger Major mit Kriegserfahrung aus Tschetschenien sowie eine russische Sergeantin führten uns in das Divisionsmuseum und schilderten uns in anschaulicher Weise den Weg der Panzerdivision vom Mittelabschnitt der Ostfront bis zur Ostsee und später nach Tilsit während des Zweiten Weltkrieges. Das Fotografieren war hier natürlich untersagt, aber man stand unseren diversen Fragen sehr offen gegenüber. Zum Abschied überreichten wir dem Major einen zeitgenössischen Kartensatz, auf dem der Weg der 121. (ostpreußischen) Infanteriedivision von Juni 1941 bis 1942 nachgezeichnet wurde sowie eine Zusammenfassung des militärischen Werdeganges meines Vaters.
Der letzte Teil der Exkursion führte uns schließlich nach Eydtkau (russ. Cernysevskoe), in dessen Gebiet die 121. (ostpreuss.) Infanteriedivision von März bis Juni 1941 stationiert war. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, auf der Strasse vom Eisenbahnknotenpunkt Gumbinnen über Ebenrode bis nach Eydtkau an der litauischen Grenze auf den Spuren der Historie zu fahren. Damals wie heute hat Eydtkau Bedeutung als Grenzübergang für Strasse und Eisenbahn. Ein Vergleich alter Fotografien mit heutigen Ansichten machte es deutlich, dass Kriegsschäden zwar immer noch sichtbar sind, der Charakter einer Durchgangsstadt aber durchaus noch zutrifft.
Eine alte Lagekarte aus dem Jahre 1941 zeigte uns detailliert, wo die einzelnen, zur Division gehörigen Truppenteile lagen. Insbesondere interessierten wir uns für das Gebiet in und um den Ort Kinderhausen (russ. Detskoe), wo das Infanterieregiment 407 Quartier bezogen hatte und von wo aus auch die 10. Kompanie, in der mein Vater Dienst tat, als Grenzpatrouille entlang der damaligen Reichsgrenze zur Sowjetunion eingesetzt wurde.
Am Vorabend des Angriffes auf die Sowjetunion wurde in einem Tagesbefehl zum 22.6.1941 gegen 16:00 Uhr vor der zum Appell angetretenen Truppe Hitlers Aufruf an die Soldaten der Ostfront und der Tagesbefehl des Divisionskommandeurs verlesen. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Es ist heute nur noch schwer zu beschreiben, welche Gefühle den einzelnen Soldaten beseelten. Von Begeisterung keine Spur. Zuversicht mischte sich mit der bangen Frage, was denn der unendlich weite Raum, der Kampf mit einem so gut wie unbekannten Gegner, bedeutet. In einer Schweigeminute gedachten wir der soldatischen Leistungen der deutschen Soldaten, die glaubten, Ihre Pflicht gegenüber dem Vaterland zu tun und doch von einem verbrecherischen Nazi-Regime bedenkenlos ausgenutzt wurden.
Fazit: Die Spurensuche im russischen Teil Ostpreußens, dem heutigen Kaliningrader Gebiet, führte uns zu einer Vielzahl von militärgeschichtlich interessanten Orten und wir haben eine Vielzahl von sehr guten Eindrücken bekommen von diesem Teil Europas, der erst seit kurzem für Westeuropäer zugänglich ist. Die Russen, die wir kennen lernten, waren uns gegenüber durchweg sehr aufgeschlossen und hatten sowohl Interesse an unserer Exkursion wie auch daran, mehr über das Deutschland von heute zu erfahren. Was völlig unerwartet war: Viele von ihnen sprachen gut Deutsch. Man sieht sich in diesem Teil Russlands, der heute durch Litauen von Russland abgetrennt ist, eher nach Westen ausgerichtet als in anderen Teilen. Und dennoch: Ostpreußen heute ist trotz seiner Nähe doch noch so fern.
Über die Exkursion von zwei Mitgliedern des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge im Frühjahr 2005 in den russischen Teil Ostpreussens ist jetzt eine professionell gefilmte und geschnittene DVD erhältlich mit dem Titel:
Auf Spurensuche in Ostpreussen - Exkursion in das Königsberger Gebiet -
Länge etwa 60 Minuten Abgabepreis zu Selbstkosten 20 Euro pro Stück. Zu bestellen bei: Dipl.-oec. Ralph W. Goehlert