
Wann ist Widerstand gerechtfertigt?
Widerstand ist dann moralisch gerechtfertigt, wenn eine organisierte Gegnerschaft gegen eine tyrannische, unrechtmäßige oder verfassungswidrige Herrschaft agiert.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 bauten diese umgehend einen totalitären Staat auf, der jegliche Opposition im Keim erstickte. Viele Deutsche waren zudem von den anfänglichen innen- und außenpolitischen Erfolgen der Nationalsozialisten derart geblendet, dass an einen vom Volk getragenen Umsturz zunächst nicht zu denken war. Die wenigen, die dem Regime kritisch gegenüber standen, taten dies aus zum Teil sehr unterschiedlichen Motiven. Die Gefahr einer Entdeckung erschwerte ein gemeinsames Vorgehen zwischen den einzelnen Widerstandsgruppen erheblich. Schließlich kam es 1943 zur Zusammenarbeit der militärischen Opposition mit zivilen Widerstandsgruppen, zu einem Zeitpunkt also, als der Krieg bereits Anzeichen zu einer negativen Wendung gab. Gemeinsames Ziel war es, Hitlers Tod herbeizuführen und die nationalsozialistische Herrschaft gewaltsam mit Hilfe des Militärs zu stürzen. Dieser Plan misslang, denn Hitler wurde bekanntlich bei dem von dieser Gruppe geplanten Attentat nur leicht verletzt. Ausgeführt wurde das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944.
Wer war Claus Schenk Graf von Stauffenberg?
Geboren wurde Claus Schenk Graf von Stauffenberg in Jettingen am 15.11.1907, hingerichtet in Berlin am 20.7.1944. 1940 stieg er in die Organisationsabteilung
des Generalstabs des Heeres auf. Wachsende Bedenken gegen die
Eroberungspolitik des nationalsozialistischen Regimes und Empörung über dessen Verbrechen in den besetzten Gebieten führten ihn 1940 zur militärischen und politischen Widerstandsbewegung. Nach schwerer Verwundung 1943 in Nordafrika (er verlor ein Auge, die rechte Hand und zwei Finger der linken), wurde er am 1.7.1944 Oberst im Generalstab Stabschef des Befehlshabers des Ersatzheeres. Seit 1943 bekannte er sich zur gewaltsamen Beseitigung Adolf Hitlers. Mit einer Gruppe Gleichgesinnter arbeitete er einen Aufstands- und Attentatsplan aus. Am 20.7.1944 führte er selbst das Attentat auf Hitler aus: Er legte im Hauptquartier Hitlers (der sog. Wolfsschanze) in Ostpreußen eine Zeitzünderbombe. Er flog dann in der irrigen Annahme, Hitler (der nur geringfügige Verletzungen davontrug) sei tot, nach Berlin zurück, um dort mit seinen Mitverschworenen den Aufstand auszulösen. Nach dem Scheitern dieses Vorhabens wurde er verhaftet und noch am selben Tag
auf Befehl Fromms erschossen. Er hinterließ seine Ehefrau und 5 Kinder.
Der Hergang des Attentats im Einzelnen
Früh morgens flog Stauffenberg von Berlin zum 555km entfernten Führerhauptquartier "Wolfschanze". Als Chef des Stabes sollte er dort unter anderem Hitler Bericht erstatten. Das brachte die Gelegenheit zum Attentat. Stauffenberg reiste zusammen mit seinem Ordonnanzoffizier Haeften, der den Sprengstoff bei sich hatte. Vor der Besprechung mit Hitler bat Stauffenberg sich umziehen zu dürfen. Das er als einhändiger etwas Hilfe benötigte war eine plausible Ausrede und so waren Stauffenberg und Haeften für ein paar Augenblicke allein. Sie bereiteten den Sprengstoff vor, den er dann in Form eines Aktenkoffers mit hinein nehmen wollte.
Dabei wurden sie jedoch gestört, weil die Offiziere Stauffenberg drängen wollten, sich zu beeilen. So kam Stauffenberg nur dazu 1 kg Sprengstoff statt 2 mitzunehmen. Dazu kam, dass die Besprechung nicht wie sonst im Führerbunker sondern in einer "Baracke" abgehalten werden sollte, wo die Verdämmung viel kleiner war.
Stauffenberg hoffte nur noch auf sein Glück, als er die Besprechung verliess um zu telefonieren. Er flüchtete dann mit Haeften zusammen in einem Flugzeug nach Berlin. Nach dem Attentat sollten auf das Stichwort "Walküre" hin sofort alle Partei-, SS- und Gestapodienststellen von der Wehrmacht besetzt werden. Doch leider waren Stauffenbergs Mitverschwörer in Berlin nur halbherzig bei der Sache und es war nicht klar, ob sie (Generaloberst Fromm, Chef des Allgemeinen Heeres General Olbricht) im Ernstfall die nötige Autorität für die Ausführung des Plans an den Tag legen würden. Somit war Stauffenberg in Berlin genauso wichtig wie im Führerhauptquartier.
Ein weiteres Problem war, dass viele Papiere von abgedankten Heerführern unterzeichnet waren. Die meisten Befehlshaber bemerkten dies und fragten in Berlin nach. Fromm war plötzlich nicht mehr zu sprechen. Bis zu Stauffenbergs Eintreffen in Berlin (3Std.später) hatten Fromm, Olbricht...etc keinen Finger gerührt und alle Befehle, die dann 3 Stunden nach dem Attentat von den Widerständlern rausgingen, wurden sofort von der "Wolfschanze" widerrufen.
Wäre Stauffenberg in Berlin gewesen, hätte er sicher die nötigen Massnahmen getroffen, um den Umsturz (auch ohne Hitlers Tod) so ins Rollen zu bringen, dass ihn keiner mehr aufhalten könnte. Auf das Attentat folgte eine Welle von Verhaftungen. In direktem Zusammenhang mit dem 20. Juli wurden 180-200 Menschen grausam hingerichtet. Hitler lies sich Filme von den ersten Hinrichtungen machen, wie beispielsweise vom langsamen Erdrosseln an dünner Schnur. Das war das Ende der deutschen Widerstandsbewegung.
Geplante Regierung des 20. Juli
Die Widerstandskämpfer wollen mit ihrem Anschlag auf Hitler die nationale Katastrophe des Deutschen Reiches verhindern und den längst verlorenen Krieg so schnell wie möglich beenden. Zu jener Zeit haben sich die Gegner Hitlers über ihre unterschiedlichen außen- und innenpolitischen Zielvorstellungen verständigen müssen. Sie hatten sich über Fragen des Verwaltungsaufbaus, der Gliederung der Wehrmachtsspitze, der Grundlinien sozialer Politik, der Kultur-, Wirtschafts- und Außenpolitik ebenso zu einigen wie über die Zusammensetzung der neuen Regierung nach dem Sturz des Regimes:
Reichspräsident:
-
Generaloberst Ludwig Beck – oder -
- Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben
Reichskanzler:
- Carl Friedrich Goerdeler – oder -
- Julius Leber
Oberbefehlshaber der Wehrmacht:
- Generalfeldmarschall Erwin Rommel – oder -
- Erwin von Witzleben –oder-
- Friedrich Olbricht
Aussenminister:
- Ulrich von HasseIl – oder -
- Friedrich Werner Graf von der Schulenburg
Problematik eines Umsturzes während des Krieges
Die reale Möglichkeit des Widerstands oder gar des Sturzes der nationalsozialistischen Führung muss wegen der besonderen Lage - besonders während des Krieges - auch unter folgenden Aspekten gesehen werden:
- Die Forderung der Alliierten nach einer bedingungslosen Kapitulation erschwerte Aktionen gegen Hitler, da eine schnelle Beendigung des Krieges und ein ehrenvoller Frieden nicht erreichbar schien.
- Das Misstrauen, vor allem der englischen Regierung, gegen den preußischen Adel, der den Widerstand trug, war stärker als das Vertrauen, mit ihm zusammen Hitler beseitigen zu können.
- Die sich abzeichnende Niederlage Deutschlands verschärfte den nationalsozialistischen Terror gegenüber allen oppositionellen und kritischen Stimmen. Diesem Terror wiederum fiel während der gesamten nationalsozialistischen Zeit genau derjenige Teil der geistigen Elite Deutschlands zum Opfer, der zu Widerstandshandlungen gegen Hitler bereit und fähig gewesen wäre.
- Nach wie vor war die Wehrmacht persönlich auf Hitler vereidigt und viele Offiziere, die in der Position waren, etwas zu tun, sahen sich im Konflikt mit Ihrem Eid.
- Ein Sturz Hitlers in der Phase eines Krieges hätte die Gefahr eines Bürgerkrieges und eines totalen Auseinanderbrechens Deutschlands mit sich gebracht. Dieses Risiko lehnten einige Offiziere ab.
Alliierte Reaktion auf das Attentat
Die Widerstandskämpfer und ihre Beweggründe werden mit Skepsis und Ablehnung betrachtet. In der alliierten Presse wird das Attentat als Beweis für einen ernsten Konflikt zwischen der NS-Führung und den hohen Militärs gewertet. Der „Manchester Guardian“ kommentiert: „Um der Zukunft willen mag es gut sein, dass die Verschwörung stattfand – und besser vielleicht noch, dass sie fehlschlug.“ Und aus dem britischen Informationsministerium verlautet: „Hitlers Strategie stellt einen der grössten Vorteile der Alliierten dar. Wir haben alles Interesse daran, ihn und seine Institution uns bis Kriegsende zu erhalten.“
Dipl.-oec. Ralph W. Göhlert , Militärhistorischer Arbeitskreis, RK Ratingen

