
in modernen Konfliktszenarien

Auf Initiative des Militärhistorischen Arbeitskreises der RK Ratingen sowie der Sektion Düsseldorf-Münster der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik e.V. (DWT) hielt Brigadegeneral a.D. Friedmar Teßmer am 24. Januar 2002 vor großem Publikum in der Bergischen Kaserne in Düsseldorf einen Vortrag über den Einsatz von Streitkräften in modernen Konfliktszenarien. Dieses Thema ist insbesondere in dieser Zeit des Umbruches der Streitkräfte und der Aufgabenverlagerung von großer Aktualität.
Die Terroranschläge auf die USA im September 2001 haben die Notwendigkeit der Umgestaltung deutscher Streitkräfte nicht nur unterstrichen, sondern sie werden diesen Prozess sogar noch beschleunigen. Es werden Streitkräfte verlangt, die sich allen Herausforderungen eines erweiterten Konfliktspektrums gewachsen zeigen. Insbesondere aber werden sie sich in der Grauzone von Krise und Krieg zu bewähren und stets im Rahmen eines politischen Gesamtkonzepts zu handeln haben. Die daraus resultierenden Anforderungen an die Qualität der Kräfte und der sie einsetzenden militärischen Führung waren Gegenstand des Vortrags.
Der Leiter des Arbeitskreises und der DWT Sektion stellte General Teßmer mit seinem interessanten Lebenslauf vor, Jahrgang 1940, war er zuletzt Brigadegeneral und Stellvertretender Kommandeur der 7. PzDiv in Düsseldorf und ist dort am 31.03.01 nach über 40 Jahren Dienst in der Bundeswehr aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. Verschiedene Verwendungen in der Truppe sowie an der Führungsakademie der Bundeswehr, dem Taktikzentrum des Heeres und Studien am US Army War College in Carlisle, Pennsylvania prädestinieren General Teßmer für dieses Thema.
Im Mittelpunkt des Vortrages stand ein von General Teßmer entwickeltes Modell, das in vereinfachter Form das Handeln von Streitkräften im erweiterten Einsatzspektrum nach Art und Intensität im Spannungsbogen von Krise und Krieg verdeutlicht. Es zeigt über einen zeitlichen Prozess hinweg, wie im Zusammenwirken vor allem mit diplomatischen und wirtschaftlichen Mitteln versucht wird, den Aktionen von „Konflikttreibern“ militärisch angemessen zu begegnen. An jeder Stelle der Zeitachse eines sich entwickelnden Konfliktes besteht die Möglichkeit zur Deeskalation, wie auch die Ereignisse von solcher Gewalt plötzlich eintreten können, die sofort eine schwere Krise oder gar Krieg bedeuten. Das im Allgemeinen aber zu Grunde liegende Paradigma heißt, durch ein auf den Grundlagen des Völkerrechts entschlossen und schöpferisch handelndes politisches Krisenmanagement entweder das Entstehen einer Krise ganz zu vermeiden oder ihre Ausweitung zu einem bewaffneten Konflikt oder gar Krieg zu verhindern. In der geschickten Kombination von Machtmitteln, wie Diplomatie, Wirtschaft, Finanzen, Entwicklungshilfe, geistig-kulturelle Initiativen, Streitkräfte usw. erweist sich politische Führungskunst. In diesem Konzert der politischen Machtmittel müssen allerdings auch militärische Kräfte verfügbar sein, die optionsreich, bestmöglich ausgebildet und einsatzbereit sein müssen, wenn sie im gesamten Einsatzspektrum erfolgreich handeln sollen. Teile von ihnen müssen sogar auf einer sehr hohen Stufe der Einsatzbereitschaft gehalten werden, um auch Bedrohungen gewachsen zu sein, die ein besonders reaktionsschnelles Handeln verlangen.
General Teßmer machte aber auch deutlich, dass als Leitlinie des Handelns in militärischen Kriseneinsätzen gilt, das erteilte Mandat im Auf und Ab einer Krise entschlossen und initiativ, aber unter Wahrung der Verhältnismäßigkeit durchzusetzen. Die mit dem Mandat in Einklang stehenden „Rules of Engagement“ sind zu beachten, dürfen sich aber nicht psychologisch als Fesseln des Handelns auswirken und gewünschte Initiative töten. Die „No Loss Mentality“, so verständlich sie auch ist, bedeutet Gift für Initiative, weil sie zum Sichergehen um jeden Preis erzieht. Andererseits darf ein Zuviel an Initiative auch nicht dazu führen, dass sie Akte der Gewalt entfacht, anstatt sie zu verhindern oder dass der Einsatz dem politischen Mandat aus dem Ruder läuft und zuviel des Guten getan wird. Die nötige Sicherheit und Reaktionsschnelligkeit der Streitkräfte im Handeln ist durch ein möglichst umfassendes Wissen über die Verhältnisse im Krisengebiet und genaue Kenntnis des Mandats, durch einen hochwertigen Schutz und durch solide Ausbildung zu gewährleisten.
Anhand von einigen Kurzlagen erklärte General Teßmer mit graphischer Unterstützung Entscheidungssituationen auf unterschiedlichen Führungsebenen zum Einsatz von Streitkräften. Die dargestellten Verhältnisse waren zwar fiktiv, spiegelten aber den Handlungsrahmen wider, wie er der Wirklichkeit sehr nahe kommt. Diese Lagen verdeutlichen die Notwendigkeit des Übergangs der Bundeswehr in eine neue Struktur, die den geänderten weltpolitischen Umständen Rechnung trägt.
Am Schluss des fesselnden Vortrags stellte Göhlert noch das kürzlich erschienene Buch von Teßmer „Diese Richtung wie ich zeige... – über den Einsatz von Streitkräften“ vor. In knapp 2 Stunden hatte es der Referent geschafft, einen Überblick über dieses sehr aktuelle Thema zu geben.
Dipl.-oec. Ralph W. Göhlert
Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik e.V., Sektion
Düsseldorf-Münster
Militärhistorischer Arbeitskreis der RK Ratingen im
Reservistenverband

