Militärhist. Informationsfahrt Normandie

Mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und dem VdRBw zu Soldatenfriedhöfen des I. Weltkrieges an der Somme und des II. Weltkrieges in der Normandie

normandieAm Morgen des 14. Oktober 2004 trafen sich etwa 30 Teilnehmer aus verschiedenen Reservistenkameradschaften aus Nordrhein-Westfalen, um gemeinsam in mit den Bundeswehrbeauftragten des Volksbundes eine viertägige Informationsreise zu Denkmälern und Soldatenfriedhöfen aus beiden Weltkriegen zu unternehmen. Was bewegt Reservisten heute dazu, sich mit Militärgeschichte und der Arbeit des Volksbundes zu beschäftigen?

Die internationalen Einsätze der Bundeswehr in den Krisenregionen haben gezeigt, dass wir auch heute bei militärischen Einsätzen mit hochelektronischen Waffensystemen immer noch Verwundete oder Tote zu beklagen haben. Insbesondere in der heutigen Situation eines erweiterten Aufgabenspektrums deutscher Streitkräfte auf der internationalen Bühne ist es wichtig, sich historischer Zusammenhänge bewusst zu sein

Warum Militärhistorie für Reservisten?
Moderne Militärgeschichte betrachtet das Militär im gesellschaftlichen oder kulturellen Zusammenhang. Damit regt sie Soldaten zum Nachdenken über den eigenen Standort an. Bezogen auf das erweiterte Aufgabenspektrum der Streitkräfte kann sie dem Reservisten eine grundsätzliche Vorstellung von der Komplexität einer Situation und von möglichen Konflikten geben. Durch den Rückgriff  auf Vergangenes und als Teil eines umfassenden Ausbildungsangebotes verbessert moderne Militärgeschichte die Voraussetzungen, die Gegenwart zu verstehen und offen, flexibel und kreativ mit zukünftigen Entwicklungen und Herausforderungen umzugehen.

Ziel der Reise war es nicht, den Krieg zu verherrlichen. Der englische Historiker Liddell Hart hat einmal das Schlagwort geprägt: „Wenn du den Frieden wünschst, musst du wissen, was Krieg bedeutet.“ Das kann man am besten an den vielen tausend Soldatengräbern sehen, die die ehemaligen Schlachtfelder säumen.

Auf den Spuren des Ersten Weltkrieges
Der erste Teil der Besichtigungstour führte die Gruppe an Schauplätze der Kämpfe aus dem I. Weltkrieg an der Somme bei Arras. Das kanadische Memorial auf der „Höhe 145“, dem höchsten Punkt des 14 km langen Vimy-Höhenzuges, erinnert an die 66.655 kanadischen Soldaten, die hier im Ersten Weltkrieg im Rahmen des Britischen Expeditionskorps gefallen sind. Auch heute noch, fast 80 Jahre nach dem Grossen Krieg, sind einige Landstriche immer noch abgesperrt wegen unzähliger Blindgänger, die noch an die schweren Kämpfe und Materialschlachten erinnern. Weitere Stationen der Reise waren die französische Soldatenfriedhof und nationale Gedenkstätte Neuville-St. Vaast auf der Loretto-Höhe sowie der britische Soldatenfriedhof Fauburg d’Amiens.

Dagegen erscheint der Soldatenfriedhof für gefallene deutsche Soldaten aus den Schlachten an der Somme eher schlicht gehalten mit ausgedehnten Rasenflächen. Bezeichnend ist die vorhandene Zahl von Kameradengräbern als Massengräber mit Kreuzen für die Gefallenen christlichen Glaubens und Steinstele für die Gefallenen jüdischen Glaubens mit hebräischer Inschrift. Der Friedhof liegt etwa 5km nördlich von Arras und wurde inmitten des einstigen Kampfgebietes nach dem Ende des Grossen Krieges angelegt. Insgesamt ruhen hier 44.833 Gefallene. In diesem Frontabschnitt waren über 200.000 Soldaten verschiedenster Nationen gefallen.

Die britischen Landungsabschnitte in der Normandie
Die Fahrt an der Küste zum Landungsabschnitt SWORD läutete die Etappe der Invasion in der Normandie ein. Bei einem Besuch der „Pegasus-Brücke“ bei Bénouville bekamen die Teilnehmer einen Eindruck vom Ablauf der Operationen, flankiert von Luftlandungen. Hier landeten in der Nacht zum 6. Juni 1944 Teile der 6. brit. Luftlandedivision mit Fallschirmen und Lastenseglern, um die für strategisch wichtig gehaltene Brücke über die Orne im Handstreich zu nehmen. Hier wurde sowohl die Brücke als auch das neu erbaute Museum besichtigt.

Weiter ging es dann über den Landungsabschnitt JUNO nach Arromanches im Abschnitt GOLD, wo die Reste des dort im Juni 1944 errichteten künstlichen Hafens bestaunt werden konnten. Noch heute stehen die Reste gefluteter, auf Grund gesetzter riesiger Phoenix Senkkästen als Wellenbrecher sowie die Rampen von schwimmenden Fahrdämmen zur Entladung von Transportschiffen als stumme Zeugen. Die Notwendigkeit eines solchen "Mulberry" Hafens für über 6.000 Tonnen Ausrüstung pro Tag war bedingt durch den immensen Nachschub, den die alliierten Landungstruppen Tag für Tag benötigten und der unabhängig vom Tidenhub sichergestellt werden musste für einen erfolgreichen Verlauf der Offensive. Ein Besuch im Museum in Arromanches lohnte sich, um tiefere Einblicke in diese möglicherweise größte militärische Ingenieurbauleistung zu bekommen.

Mit der Besichtigung der größtenteils noch gut erhaltenen Marineküstenbatterie Longues-sur-Mer mit ihren noch heute vorhandenen 15,2cm Geschützen bekamen die Reservisten einen Eindruck von den Ausmaßen des deutschen Atlantikwalls, der sich die Küste entlang zog.

Die amerikanischen Landungsabschnitte OMAHA und UTAH
Über Port-en-Bessin ging es dann weiter zum amerikanischen Landungsabschnitt OMAHA. Im Gegensatz zu UTAH gab es in diesem Abschnitt bei der Landung der amerikanischen Truppen große Probleme. Nicht nur, dass die alliierten Bomber hier die Stellungen weit verfehlten. Hier lag auch die kampfkräftige 352. InfDiv. Vernichtendes Feuer von deutscher Artillerie aller Kaliber und Handfeuerwaffen  prasselte in die Landungsboote und zwischen die an Land watenden Männer. Die ersten Einheiten verloren bis zu 50% ihrer Soldaten. Nur zwei Panzer kamen an Land, wurden sofort in Brand geschossen. Nur 4 Stunden nach Beginn des Angriffes lagen 3.000 Tote und Schwerverwundete auf dem 6 km Landungsstrand Bloody OMAHA. Der Brückenkopf konnte durch massive Verstärkungen erst in den folgenden Tagen gefestigt werden.

Ein Besuch auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof St. Laurent-sur-Mer direkt hinter der OMAHA Beach legte Zeugnis ab von den vielen tausend Menschenleben, die diese Entscheidungsschlacht zur Errichtung einer zweiten Front forderte.

Der „Friedenspark des Volksbundes“
Bei dem anschließenden Besuch auf dem deutschen Soldatenfriedhof in La Cambe gedachten die Teilnehmer sowohl der deutschen als auch der alliierten Opfer, die die Schlacht in der Normandie forderte. Im Namen des Reservistenverbandes und des Volksbundes wurde ein Gesteck zu Ehren der Gefallenen niedergelegt.

La Cambe war während des Krieges zunächst als amerikanisches Gräberfeld errichtet, es wurden bald danach jedoch nach Umbettung der amerikanischen Gefallenen auf den neuangelegten Soldatenfriedhof St. Laurent-sur-Mer deutsche Gefallene hierhin von der Invasionsfront und den Kämpfen in Nordfrankreich umgebettet. Heute ruhen auf dieser Kriegsgräberstätte 21.140 deutsche Gefallene. Das Zentrum des Soldatenfriedhofes bildet ein fast 6m hoher Tumulus, der als Kameradengrab 207 unbekannte und 89 namentlich bekannte Tote aufgenommen hat. Auf seiner Spitze steht ein gewaltiges Basaltlavakreuz mit zwei Seitenfiguren. Ergriffen schritten die Besucher die Reihen der Gräber ab: neben Reservisten im Alter von z.T. weit über 30 Jahren waren aber auch blutjunge 17 jährige Soldaten aller Truppenteile darunter.

Die Informationsfahrt beendete ein Besuch in Ste-Mère Église. In und um diesen Ort wurden in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1944 die 82. und die 101. US Luftlandedivision als Flankendeckung für die alliierten Landungsoperationen abgesetzt. An die verlustreiche Operation erinnert eine Fallschirmjägerpuppe am Kirchturm von Ste-Mère Église zur Erinnerung an John Steele, der dieses schmerzhafte Ereignis erlebte. Ein Besuch im interessanten Museum mit vielen Exponaten dieser Luftlandeoperation rundete das Bild ab.

Am Ende der Exkursion drückten die Teilnehmer dem Volksbund ihren Dank aus für die hervorragende Organisation und den reichhaltigen Informationsgehalt der Exkursion. Auf der Rückfahrt wurde noch lange über die Eindrücke diskutiert. Insbesondere die Besuche auf den Soldatenfriedhöfen manifestierten die Bedeutung der Kriegsgräberfürsorge nicht nur in Frankreich, sondern in allen Teilen der Welt, auf denen deutsche Soldaten begraben liegen.

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Dipl.-oec. Ralph W. Göhlert,
Kreisbeauftragter für die Verteidigungs- und Sicherheitspolitik
Leiter Arbeitskreis Militärhistorie, RK Ratingen