
Nach dem Erfolg der ersten Studienfahrt in die Normandie unternahmen 10 Mitglieder der RK Ratingen vom 16.-22.4.2000 eine weitere Fahrt dorthin im Rahmen einer militärgeschichtlichen Weiterbildung. Frühmorgens ging es mit zwei Fahrzeugen von Ratingen-Lintorf über Aachen, Lüttich, Cambrai, Amiens, Rouen und Caen zum Zielort Villers-Bocage, wo man am Spätnachmittag eintraf. Der Empfang im familiären Hotel "Au Vieux Puits" verlief ebenso herzlich wie im letzten Jahr - man kannte sich bereits. Jeden Tag gab es einen Vortrag über das Programm des folgenden Tages mit entsprechender Hintergrundinformation.
Die Normandie ist eine der schönsten Landschaften Frankreichs, als Kontrast zeugen die Überreste der starken Bunkerbefestigungen noch heute von den schweren Kämpfen und den Zerstörungen vor 55 Jahren. Die hier stationierten deutschen Soldaten erblickten am frühen Morgen des 6. Juni 1944 die größte Schiffsansammlung der Seekriegsgeschichte. Die alliierte Landung in der Normandie war die Errichtung der zweiten Front in Europa und der erste Schritt auf dem Weg der alliierten Armeen zum Rhein bei der Niederwerfung Hitler-Deutschlands.
Die erste Station der Besichtigungstour führte die Gruppe nach Cherbourg, von dessen einstiger Bedeutung als Stützpunkt der Kriegsmarine noch heute zahlreiche Bunkeranlagen zur See- und Luftverteidigung zeugen. Bei der alliierten Invasion am 6.6.44 sollte Cherbourg als erster natürlicher Hafen an der Normandiefront möglichst rasch vom VII. US Corps genommen werden. Hier igelten sich 21.000 dt. Marine-, Heeres- und Luftwaffensoldaten ein und lieferten den amerikanischen Truppen einen zähen Abwehrkampf. Drei US Divisionen griffen zu Lande mit massiver Luftunterstürzung an, während schwere Schiffsartillerie von See her die Küstenbatterien beschoss. Der Bombardierung sollte eine systematische Vernichtung der deutschen Verteidigungswerke folgen. Nach hartem Kampf und heftiger deutscher Abwehr drangen schliesslich am Abend des 26.6.44 die ersten alliierten Kräfte in Cherbourg ein. Nach Sprengung der Hafenanlagen ergaben sich Festungskommandant von Schlieben und Admiral Henneke, Seekommandant Normandie, mit dem grössten Teil ihrer Truppen, die letzten Aussenwerke kapitulierten zwei Tage später.
Weiter südlich führte der Weg dann zu den Küstenbatterien Azeville und Marcouf, die am Morgen des 6. Juni1944 mit ihren schweren Geschützen in das Kampfgeschehen eingriff. Die Heeresküstenbatterie Azeville, hat man bereits 1941 etwa 3,5 km südlich von Marcouf eingerichtet, wo es die letzten Häuser im Osten des Dorfes Azeville berührte. Sie besitzt mehrere leichte Infanteriewaffen und gut ausgebaute Nahverteidigungsstellungen, liegt jedoch so weit von der Küste ab, dass die Hälfte der maximalen Reichweite der Geschosse über Land liegt. Da die Batterie keine Sicht zum Meer hat, befindet sich ihr Leitstand in der benachbarten MKB Marcouf. Am 9.6.44 ergab sich die deutsche Besatzung nach schweren Kämpfen.
Die Amerikaner tauften die deutsche Batterie von St Marcouf Grisbecq, denn sie befand sich in dem Dorf gleichen Namens, das 700m nördlich des Dorfes Saint Marcouf liegt. Es war die grösste Batterie der Seine-Bucht und beherrschte den Landungsabschnitt Utah Beach. Sie verfügte über ballistisch hervorragende Skoda-Kanonen. Dieses Prachtstück des Atlantikwalls besass jedoch weder ein Funkmess- noch ein modernes Feuerleitgerät, und das Schiessen erfolgt wie im 1. Weltkrieg mit Hilfe eines Scherenfernrohrs mit Gradeinteilung. Die beiden verscharteten Geschütze befanden sich in mächtigen Bunkern mit einer 3,5 m starken Decke, haben aber nur ein Schussfeld von 80°. Die dritte Kanone stand in offener, getarnter Behelfsstellung einsatzbereit. An den Bunkergeschützen fehlen noch Schartenpanzerblenden, und in dem fertiggestellten Leitstand gab es noch kein Seeziel-Kommandogerät. Als Ersatz dient ein französisches Entfernungsmessgerät, dazu ein selbstgebautes E-Messgerät und Scherenfernrohre.
Vom 19.4.44 bis zum 6.6.44 bombardierten die Alliierten diese Batterie jeden Abend. Insgesamt wurden 800 Bomben auf die Batterie abgeworfen, die enorm grosse Krater hinterlassen hatten und einen Wiederaufbau nicht zuliessen. In der Nacht vom 5. auf den 6.6. wurden noch einmal 600 t Bomben auf Marcouf abgeworfen. Im Anschluss daran griffen abgesetzte US Fallschirmjäger an, aber der deutschen Besatzung gelang es, sie gefangen zu nehmen. Nachdem die 4. US Div mehrfach angegriffen hatte und zurückgeschlagen wurde, fanden US Patrouillen die Kasematten schliesslich verlassen vor und besetzten Grisbeq am 12.6.44.
Nächste Station war der amerikanischen Landungsabschnitt Utah. Hier landeten am 6. Juni 1944 um 6:30 Uhr die ersten Wellen der 1. US Armee auf dem europäischen Kontinent. Die Landungstruppen trafen nur auf geringe deutsche Gegenwehr und die Landung ging ohne größere Verluste voran. Von den Kämpfen zeugen noch heute zerstörte Küstenbefestigungen sowie rostende Buffalo Schwimmpanzer und M4 Kampfpanzer Sherman vor dem Utah Beach Museum, das militärisch interessante Exponate enthält.
Das deutsche Wiederstandsnest WN5 liegt an einer Öffnung zwischen den Dünen mitten im Utah Abschnitt. Auf der linken Seite des Durchgangs wurde auf einem deutschen Bunker von WN5 ein Denkmal zur Erinnerung an die 1. US Pionierbrigade, die an dieser Stelle am 6.6.44 um 06:30 Uhr gelandet war, errichtet. Hinter diesem Denkmal befindet sich ein deutsches auf das Meer gerichtetes Geschütz in einer Schanze. Das Innere des Bunkers unter dem Denkmal ist zu einer Erinnerungskrypta hergerichtet worden. Auf der anderen Seite des Durchgangs, in einem benachbarten Bunker von WN5 ist das Utah Beach Museum eingerichtet.
Den Tag beendete ein Besuch in Ste-Mère Église. In und um diesen Ort wurden in der Nacht vom 5./6. Juni 1944 die 82. und die 101. US Luftlandedivision als Flankendeckung für die Landungsoperationen abgesetzt. An die verlustreiche Operation erinnert eine Fallschirmjägerpuppe am Kirchturm von Ste-Mère Église zur Erinnerung an John Steele, der dieses schmerzhafte Ereignis erlebte. Ein Besuch im interessanten Airborne Museum mit vielen Exponaten dieser Luftlandeoperation, die rund um eine Douglas C47 Skytrain positioniert und einen amerikanischen WACO Lastensegler positioniert sind, rundete das Bild ab. Neben zeitgenössischen Waffen und Ausrüstungsgegenständen und Abzeichen sind viele Fotos über diese Luftlandeoperation zu sehen.
Am zweiten Tag besuchte die Gruppe zunächst den kleinen Ort Tilly-sur-Seulles, der im Juni 1944 heftig umkämpft wurde und mehrmals den Besitzer wechselte. Hier nahm sich sogar der Bürgermeister Zeit für die Gruppe und gab einen Überblick über die Ereignisse im kleinen Museum der Stadt, untergebracht in einer zerschossenen Kirche. Das dort aufgebaute Modelldiorama liess sowohl die Kampfhandlungen als auch die Zerstörungen des kleinen Ortes deutlich erkennen.
Ein anschließender Besuch auf dem deutschen Ehrenfriedhof in La Cambe war ein Muss. Zunächst als amerikanisches Gräberfeld errichtet, wurden hier nach Umbettung der amerikanischen Gefallenen auf den neuangelegten Soldatenfriedhof St. Laurent-sur-Mer deutsche Gefallene von der Invasionsfront und den Kämpfen in Nordfrankreich umgebettet. Heute ruhen auf dieser Kriegsgräberstätte 21.140 deutsche Gefallene. Das Zentrum des Soldatenfriedhofes bildet ein fast 6m hoher Tumulus, der als Kameradengrab 207 unbekannte und 89 namentlich bekannte Tote aufgenommen hat. Auf seiner Spitze steht ein gewaltiges Basaltlavakreuz mit zwei Seitenfiguren. Ergriffen schritten die Besucher die Reihen der Gräber ab: neben Reservisten im Alter von z.T. weit über 30 Jahren waren aber auch blutjunge 17 jährige Soldaten aller Truppenteile darunter.
Ein Besuch des Ranger-Museums in Grancamp-Maisy zeigte die Eroberung der Heeresküstenbatterie Pointe du Hoc mit vielen zeitgenössischen Fotos und einer Filmvorführung. Die folgende Besichtigung der Bunkerstellungen der Heeresküstenbatterie Pointe du Hoc gab einen guten Einblick sowohl in die Architektur als auch die Ausmaße deren Zerstörung durch Bomben und schwere Schiffsartillerie. Zur Zeit der alliierten Invasion war die östlich der Vire-Mündung auf einem Felsvorsprung liegenden Batterie noch im Bau. Die Kanonen standen zum Seezielschiessen behelfsmässig auf Betonsockeln. Die Batterie war durch ihre Lage eine der gefährlichsten Verteidigungsstellungen an der Invasionsküste. Der Bunker mit dem Leitstand liegt auf der äussersten Felsspitze, die Mannschaftsbunker und andere Einrichtungen sind durch tiefe Laufgänge miteinander verbunden. Zur Meeresseite hin bildeten die hohen Felsen ein natürliches Hindernis. Den oberen Rand der Steilküste sicherten MG-Stände und zu Minen umfunktionierte alte Grosskalibergeschosse. Von der Landseite her bildeten Minenfelder, Stacheldrahtsperren und verbunkerte MG-Stellungen die Nahverteidigung.
Frühmorgens am 6.6.44 eröffnen aus etwa 10 sm Entfernung die US Schlachtschiffe Texas und Arkansas sowie einige Zerstörer das Feuer auf Pointe-du-Hoc. Rund 600 schwere Granaten schlagen auf die bereits im April von Geschützen geräumte Scheinanlage. Nach dem Beschuss greifen 18 Marauder Bomber die Scheinanlage im Tiefflug an. Zwei Geschützbunker bekommen Nahtreffer, der dritte wird durch einen Volltreffer total zerstört und der Leitstand am Rand der Felsspitze teilweise beschädigt sowie einige Unterstände beschädigt.
Speziell dafür ausgebildete Sturmtrupps von 200 Mann, drei Kompanien des 2. Ranger Bataillons unter Lt.Col. Rudder sollen mit Raketenleitern und vielseitigen Spezialgeräten die Steilküste erklettern und die HKB Point-du-Hoc einnehmen. Nach verlustreicher Landung am Strand unterhalb der Steilküste setzten die Rangers zum Sturm an. Vom oberen Felsrand schlägt ihnen ein heftiges Infanteriefeuer entgegen. Erst nach massiertem Beschuss durch Schiffsartillerie gelang es 165 Rangers unter blutigen Verlusten, das Plateau zu erstürmen. Als sie endlich die Geschützbunker eroberten, stellten sie zu ihrer Verblüffung fest, dass sie leer waren.
Den Tag beendete ein Besuch von Omaha Beach. Im Gegensatz zu Utah gab es in diesem Abschnitt bei der Landung große Probleme. Nicht nur, dass die Bomber hier die Stellungen verfehlten. Hier lag auch die kampfkräftige 352 InfDiv. Vernichtendes Feuer von Artillerie aller Kaliber und Handfeuerwaffen prasselte in die Landungsboote, zwischen die an Land watenden Männer. Die ersten Einheiten verlieren bis zu 50% ihrer Soldaten. Nur zwei Panzer kommen an Land, werden sofort in Brand geschossen. Nur 4 Stunden nach Beginn des Angriffes lagen 3000 Tote und Schwerverwundete auf dem 6 km Landungsstrand. Der Brückenkopf konnte erst in den folgenden Tagen gefestigt werden.
Die Teilnehmer gedachten der Opfer der ehemaligen Gegner durch einen Besuch auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof St. Laurent-sur-Mer direkt hinter der Omaha Beach. Auch dieses Gräberfeld sowie die Überreste der direkt daneben liegenden Stellung WN 62 legte Zeugnis ab von den vielen tausend Menschenleben, die diese Schlacht zur Befreiung Frankreichs forderte. Den Abschluss des Tages bildete ein ausgiebiger Besuch im Museum über die Schlacht in der Normandie in Bayeux, um die sehr umfangreiche Sammlung von militärhistorischen Exponaten intensiv zu studieren.
Tag 4 begann mit einer Besichtigung der größtenteils noch gut erhaltenen Marineküstenbatterie Longues nördlich von Bayeux, etwa 400 m von der Steilküste entfernt am Rande des gleichnamigen Dorfes, mit ihren noch heute vorhandenen 15,2cm Geschützen. Die zur Marine gehörende Batterie steht. Die Batterie konnte insgesamt einen Bereich von 180° in der Seine-Bucht bestreichen, jedoch nur beschränkt den Strand zu beiden Seiten ihrer Stellung. Der Leitstand und zwei Scheinwerfer befanden sich 300 m vor den Geschützen direkt am Rand der Steilküste. Tiefe Laufgräben verbanden die Unterkunftsräume, Geschützbunker und Verteidigungsstellungen. Die Lage der auf einem baumlosen Plateau gelegenen Batterie verschaffte ihr zwar eine ausgezeichnete Sicht; sie war aber auch leicht zu entdecken und durch die nur zur See liegenden Schiessscharten besonders verwundbar. Durch die ursprünglich für Kriegsschiffe vorgesehenen Geschütze war Longues die einzige den Erfordernissen entsprechende Seezielküstenbatterie im alliierten Invasionsraum.
Luftangriffe behinderten in starkem Masse die Fertigstellung der Batterie und die Bombardierungen waren in den letzten Tagen vor der Landung sehr heftig. Über 1500 Bomben fielen auf dieses Gebiet. Die erste Kasematte blieb unversehrt, die zweite wurde sehr beschädigt, das Geschütz der dritten bekam einen Volltreffer und die vierte wurde völlig zerstört. Ingesamt gesehen gilt diese Küstenbatterie heute als die am besten erhaltene.
In Arromanches wurden die Reste des dort im Juni 1944 errichteten künstlichen Mulberry Hafens bestaunt. Noch heute stehen die Reste gefluteter, auf Grund gesetzter riesiger Phoenix Betonkästen als Wellenbrecher sowie die Rampen von schwimmenden Fahrdämmen zur Entladung von Transportschiffen als stumme Zeugen. Die Notwendigkeit eines solchen "Mulberry" Hafens für über 6.000 Tonnen Ausrüstung pro Tag war bedingt durch den immensen Nachschub, den die Landungstruppen Tag für Tag benötigten und der unabhängig vom Tidenhub sichergestellt werden musste für eine erfolgreiche Offensive. Ein Besuch im Museum in Arromanches lohnte sich, um tiefere Einblicke in diese möglicherweise größte militärische Ingenieurbauleistung zu bekommen.
Weiter an britischen Landungsabschnitten ging es am letzten Tag der Reise, eingeleitet durch den Besuch der sog. Pegasus Brücke und der Batterie Merville, die durch Einheiten der 6. brit. Luftlandedivision erobert wurden. Einen einmaligen Überblick über das Leben in einer Bunkerbefestigung sowie den deutschen Atlantikwall allgemein gab ein als Museum ausgebauter Feuerleitbunker in Ouistreham . Den Abschluss der Reise bildete das neue Friedensmuseum in Caen, das als Mahnmal zur Erhaltung des Friedens und der Freundschaft zwischen den Völkern steht.
© 2000
Dipl.-oec. Ralph W. Göhlert , militärhistorischer Arbeitskreis, RK-Ratingen

