
Der Artikel ist die gekürzte Fassung eines Aufsatzes von Bernard Chiari, der in der Zeitschrift Militärgeschichte Nr.I/2002 erschienen ist. (Mit freundlicher Genehmigung der IFDT – Information für die Truppe – Zeitschrift für innere Führung, erschienen II. Quartal 2002)
This image is
copyrighted and reproduced with the permission of
clausewitz.com
Die Militärgeschichte hat in Deutschland eine lange Tradition. Ihre systematischen Anfänge liegen im Jahr 1779. Joseph II., Sohn Maria Theresias, Vertreter des Aufgeklärten Absolutismus und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, beauftragte den Präsidenten seines Hofkriegsrates damit, alle Feldzüge historisch aufzuarbeiten, die Österreich seit 1740 geführt hatte. Diese Aufgabe wurde Generälen übertragen. Ziel war es, für die Zukunft und eine erfolgreiche Kriegführung Lehren aus vergangenen Abläufen und Fehlern zu ziehen – mit Blick auf die wenig glückliche Kriegführung vor allem gegen Preußen ein nachvollziehbarer Wunsch. Ähnliche Überlegungen stellte auch die zweite aufstrebende Führungsmacht in Deutschland. 1816 entstand eine „Historische Abteilung“ des preußischen Kriegsministeriums. Militärgeschichte war auch dort keine Universitätsdisziplin, sondern hatte direkt militärischen Interessen und der Staatsräson zu dienen. Der preußische General Gerhard von Scharnhorst sah ihre Aufgabe in der „Vervollkommnung der Kriegskunst", sprach ihr daneben aber auch eine hohe Bedeutung für die Erziehung und Bildung des Offizierkorps zu. Carl von Clausewitz meinte, zwar könne die Geschichte keine „Grundsätze, regeln oder Methoden“ benennen, mit deren Hilfe Kriege zu gewinnen seien, wohl aber könne sie dazu befähigen, sich in der „Übung des Urteils“ zu schulen.
Ein wesentlicher Schritt zur Erweiterung der Militärgeschichte gelang Ende des 19. Jahrhunderts. Die erfolgte Veränderung machte eine Auseinandersetzung deutlich, an der außer Militärs und Wissenschaftlern nun auch eine langsam entstehende Öffentlichkeit beteiligt war. Ausgelöst wurde der sogenannte „Strategiestreit“ durch den politisch engagierten preußischen Historiker und Publizisten Hans Delbrück. Er veröffentlichte im Jahre 1900 den ersten Band seiner vierbändigen „Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte“ und band – hier war der Titel seines epochalen Werks Programm – die Militärgeschichte in den Versuch ein, historische Epochen in ihrer Gesamtheit zu beschrieben. Strategie und Taktik wurden vor dem Hintergrund von Politik, Staats-, Wirtschafts- und Heeresverfassung geschildert. Damit definierte Delbrück Standort und Anspruch der Militärgeschichte neu. Der Zivilist rief den Widerspruch konservativer Zeitgenossen hervor, die die Militärgeschichte als alleinige Domäne des Generalstabes festgeschrieben wissen wollten.
Mit Scharnhorst, Clausewitz und Delbrück sind neben drei wichtigen Gründungsvätern auch wesentliche Inhalte der Militärgeschichte bis heute benannt. Nach der Erfahrung von Nationalsozialismus und Holocaust hatte diese nach 1945 zunächst mit der Ablehnung alles Militärischen generell zu kämpfen. In der Zeit des Kalten Krieges und der Blockbildung setzten deren Gegner die Militärgeschichte mit dem Ziel erfolgreicher Kriegführung gleich. Vor dem Hintergrund der atomaren Bedrohung wurde Militärgeschichte in den teils ideologisch stark aufgeheizten Debatten der siebziger und achtziger Jahre der jungen Disziplin der Friedensforschung gegenübergestellt und durch diesen Vergleich scheinbar fragwürdig: Stark vereinfacht lautete der Vorwurf, die Friedensforschung untersuche die Voraussetzungen 1 für Konfliktregelung und Frieden und unterstütze damit aktiv einen wünschenswerten Zustand, während sich die Militärgeschichte im Umkehrschluss diesem Ziel versage, indem sie selbst unter der Bedrohung durch die globale atomare Vernichtung an dessen Führbarkeit arbeite. Das . Ende des Blocksystems, das Ausufern militärischer Gewalt im Rahmen regionaler Konflikte und eine nationalen Terrorismus haben solchen Auseinandersetzungen und einer jahrzehntelang praktizierten Lagerbildung weitgehend den Boden entzogen. Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen untersuchen gemeinsam den Zusammenhang von Krieg- Militär und Gesellschaft - auch wenn sie dies aus unterschiedlichen Blickwinkeln tun.
Heute ist Militärgeschichte Teil der Geschichtswissenschaft. Sie schließt die Operationsgeschichte im Sinne etwa von Clausewitz mit ein, geht aber weit über Schlachtenbeschreibungen hinaus. Militärgeschichte fragt nach den Strukturen und Wirkungen des Militärs, nach dem Verlauf kriegerischer Auseinandersetzungen und nach deren Ursachen. Sie betrachtet das Militär nicht isoliert als Institution, sondern im Beziehungsgefüge, das abhängig von gesellschaftlichen oder kulturellen Zusammenhängen entsteht und funktioniert. Die Militärgeschichte untersucht Wehrverfassungen und Sozialverhältnisse oder technische Entwicklungen und deren Wirkung auf den Auftrag bzw. die Auftragserfüllung von Armeen. Die Wechselwirkung zwischen Militär und Gesellschaft ist dabei eine zentrale Frage, ebenso wie die Rolle von Streitkräften in demokratischen oder totalitären Systemen.
Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und besonders des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion zeigt, dass Unterdrückung, Ausbeutung und Massenmord bei der Beschreibung militärischer Konflikte nicht außer acht gelassen werden dürfen. Dies geschieht nicht nur aus der Sicht der Planer und Täter, sondern auch aus der Perspektive der Opfer von Krieg und Besatzung. Zunehmend findet der einzelne Soldat Beachtung. Dazu zählen die Kriegs- und Einsatzerfahrung ebenso wie der Umgang mit Gewalt und Tod oder individuelles Verhalten unter extremen und verbrecherischen Rahmenbedingungen. Besonders deutlich zeigt sich die hier angedeutete Vielfalt militärhistorischer Themen und Fragestellungen für den Zweiten Weltkrieg, etwa was die Rolle der Wehrmacht zur Zeit des Nationalsozialismus angeht. Wo nun besteht eine Verbindung zwischen mitunter schwer verständlichen Studien wissenschaftlicher Militärgeschichte und den Erfordernissen militärischer Ausbildung? Fragt man Militärhistoriker nach den Aufgaben ihrer Disziplin, betonen sie häufig ausweichend, dass die Unabhängigkeit und Qualität der Militärgeschichte nur dann gewährleistet bleiben könne, wenn diese eben nicht wegen ihres konkreten Nutzens, beispielsweise für die Streitkräfte, betrieben werde. Als Teil der Geschichtswissenschaft mit den eingangs dieses Berichts aufgezählten Fragestellungen trage sie - wie die übrigen Geisteswissenschaften - höchstens indirekt zu aktuellen Problemlösungen bei. Tatsächlich ist diese Aussage unverzichtbar für die Akzeptanz der Militärgeschichte als wissenschaftliches Fach. Dennoch beschäftigt Historiker und Laien das Problem, zu welchem Zweck wir Militärgeschichte betreiben -und was aus ihr zu lernen ist. Es ist selbstverständlich, dass Armeen militärgeschichtliche Erkenntnisse für die Ausbildung ihrer Führerkorps nutzen. Ein Beispiel ist nach wie vor die Operationsgeschichte als unverzichtbarer Bestandteil der taktischen Aus- und Weiterbildung von Soldaten.
Moderne Militärgeschichte vermittelt aber auch Kenntnisse über das gesellschaftliche und politische Gesamtsystem, dessen Teil Streitkräfte sind. Lange Jahre waren Konflikte wie beispielsweise die beiden Weltkriege durchaus geeignet, um sich mit den Rahmenbedingungen einer in Europa drohenden dritten militärischen (und diesmal atomaren) Katastrophe auseinander zu setzen. Die Analyse der internationalen Beziehungen und staatlichen Systeme im Zeitalter der Weltkriege hilft dabei, die europäische Nachkriegsordnung zu verstehen. Brisant ist beispielsweise die Überlegung bis zum heutigen Tage, wie mit der Wehrmacht als einer Wehrpflichtarmee ein völkerrechtswidriger Angriffs- und Vernichtungskrieg geführt werden konnte. Militärhistoriker untersuchen die Entstehung von Bundeswehr und Nationaler Volksarmee als Teil von NATO und Warschauer Pakt bzw. der Gesellschaften von Bundesrepublik und DDR und liefern damit Bausteine für das Verständnis deutscher Nachkriegsgeschichte generell. Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen.
Militärgeschichte beschreibt das Spannungsfeld zwischen Militär und Gesellschaft, Geschichte und militärischer Tradition und macht ihre Fragestellungen auf dem Weg der historischen Bildung in den Streitkräften bekannt. Damit regt sie Soldaten zur individuellen Standortbestimmung an. Militärgeschichte kann den Offizieren einer Armee nicht beschreiben, wer sie sind. Sie kann ihnen aber Anstöße geben, darüber nachzudenken und ihr gegenwärtiges Berufsbild im historischen Vergleich zu begreifen. Selbst in der Frage der Legitimität militärischer Gewalt und soldatischen Handeins sind militärgeschichtliche Forschungen von Bedeutung. Sie können dem Einzelnen auch hier keine konkreten Handlungsanweisungen oder gar ethisch-moralische Hilfestellung liefern. Aber die Militärgeschichte veranschaulicht, wie sich Individuen in historischen Konfliktsituationen verhielten und wie sie diese bewerteten, wie sie in ihr Umfeld eingebunden und durch dieses bestimmt waren, und welchen inneren wie äußeren Zwängen sie unterlagen. So erzählt die im November 2001 in Berlin eröffnete, komplett neu erarbeitete Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" in einem »Handlungsräume" genannten Teil die Biografien von Wehrmachtangehörigen, die verbrecherische Handlungen verweigerten, umgingen, mittrugen oder in vorauseilendem Gehorsam unterstützten. Besonders solche differenzierten Erkenntnisse bis hin zur problematischen Frage nach der Bewertung von Desertion und Fahnenflucht regen dazu an, sich neben den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen militärischer Handlungen die Situation in den Armeen und Einsatzkontingenten von heute vor Augen zu führen.
Ein weiterer Aspekt betrifft das erweiterte Aufgabenspektrum der Streitkräfte. Krieg, Gewalt und Terrorismus im 21. Jahrhundert haben die Rolle des Militärs grundlegend verändert. Seit Jahren schon definieren sich Soldaten selbst in Deutschland nicht mehr ausschließlich über ihre Aufgaben bei der Landes- und Bündnisverteidigung. Einsätze wie auf dem Balkan oder in Afghanistan führen dazu, dass herkömmliche militärische Ausbildung alleine Soldaten nicht mehr in die Lage versetzt, sich auf immer kompliziertere Sachverhalte und Problemlagen einzustellen. Militärische Führer müssen sich als Angehörige internationaler Kontingente auf Szenarien einlassen, die kaum etwas mit der "einfachen" Welt des Kalten Krieges zu tun haben. Wie sehr die Bundeswehr diesem Umstand Rechnung trägt, wird in ihrer Einsatzausbildung deutlich. Dort ergänzen gestellte Szenen und Bilder ohne "Drehbuch" herkömmliche Übungsabläufe. Das Verhalten der geforderten Führer wird durch die Analyse von Situationen und nicht durch die Präsentation einer "Leitungslösung" bewertet. Im Rahmen von friedenserhaltenden Maßnahmen tritt neben die militärische Entscheidungsfindung vermehrt die Notwendigkeit, auch die politischen Folgen militärischer Maßnahmen abzuschätzen und zu verstehen. Das Prinzip des Führens nach Auftrag erhält vor diesem Hintergrund eine erweiterte Bedeutung -und die Entstehung und Entwicklung der Auftragstaktik wiederum sind ebenfalls Objekte der Militärgeschichte. Von keinem Soldaten wird man erwarten können, für die Vorbereitung eines Einsatzes wissenschaftliche Studien zur Historie einer Region zu betreiben. Die Militärgeschichte sollte jedoch zumindest im Überblick historische Entwicklungen schildern - etwa die Geschichte von Konflikten auf dem Balkan oder generell die sich wandelnde Bedeutung von Nation und Nationalismus. Zweckmäßiges, sensibles und einer Situation angemessenes Verhalten von Offizieren im Einsatz erfordert keine landeskundlichen Experten, sondern eine neue Qualität von Führung und ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit. Die Militärgeschichte kann hier nicht durch konkrete Handlungsanweisungen unterstützen, indem sie etwa auf "Fehler" hinweist, die im Verlauf früherer militärischer Konflikte gemacht wurden. Dies hat sie mit der klassischen Operationsgeschichte gemeinsam. Auch aus ihr können keine unmittelbaren Lehren gezogen werden. Historische Ereignisse und Abläufe mit ihren vielfältigen Rahmenbedingungen sind nicht wiederholbar.
Moderne Militärgeschichte kann dem Offizier eine grundsätzliche Vorstellung von der Komplexität einer Situation und von möglichen Konfliktlinien geben, zum Beispiel beim problematischen Umgang mit verschiedenen Ethnien in einem Konfliktgebiet. Der Historiker Jacob Burckhard sagte einmal: "Geschichte macht nicht klüger für ein nächstes Mal, aber weise für immer". Militärgeschichte zeigt nicht, was geschehen wird, aber was geschehen könnte. Hätte 1995 die Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Kriegsverbrechen dem verantwortlichen Kommandeur der VN-Schutztruppe geholfen, das Massaker von Srebrenica zu verhindern? Die Überschneidung von Ausbildung und moderner Militärgeschichte liegt dort, wo Soldaten unter Rückgriff auf Ergebnisse der Grundlagenforschung historisches Orientierungswissen vermittelt wird. Ziel ist die Förderung analytischen Denkens, der Sensibilität im Umgang mit Konfliktsituationen und letztlich der Urteilsfähigkeit und Eigenverantwortlichkeit. Durch den Rückgriff auf Vergangenes und als Teil eines umfassenden Ausbildungsangebotes verbessert moderne Militärgeschichte die Voraussetzungen, die Gegenwart zu verstehen und offen, flexibel und kreativ mit zukünftigen Entwicklungen und Herausforderungen umzugehen. Vor diesem Hintergrund steht zu hoffen, dass die Ergebnisse militärhistorischer Grundlagenforschung in der Bundeswehr verstärkte Beachtung finden.
Dr. Bernhard Chiari, Jahrgang 1965, Oberstleutnant d.R., ist Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Potsdam.
Literatur
-
Donald Abenheim, Bundeswehr und Tradition. Die Suche nach dem gültigen Erbe des deutschen Soldaten, München 1989.
-
Thomas Kühne / Benjamin Ziemann (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte? Paderborn 2000.
-
Manfred Messerschmidt (Hrsg.), Militärgeschichte- Probleme -Thesen -Wege, Stuttgart 1982.
-
Wolfgang Peischel / Franz Hollerer, Militärwissenschaft als Antwort auf die neuen Anforderungen an da Rollenbild des Offiziers, in: Österreichische Militärische Zeitschrift Jg. 37, 1999.
-
Christian Stadler / Andreas Stupka, Vom Wesen und Wert des Militärischen überhaupt. Militärwissenschaft im Zeichen der Polemologie, in. Österreichische Militärische Zeitschrift Jg.38, 2000.

