Militärhistorie in der Reservistenarbeit

General Heinz GuderianSeit einigen Jahren besteht jetzt der militärhistorische Arbeitskreis der RK Ratingen und wendet sich an Reservisten, aktive Soldaten, an die Erlebnisgeneration des Zweiten Weltkrieges sowie an militärgeschichtlich interessierte Mitbürgerinnen und Mitbürger. Es ist im Laufe der Zeit eine Plattform entstanden, um sich im Rahmen von monatlich stattfindenden Vorträgen, Dokumentarfilmvorführungen sowie Exkursionen mit militärhistorischen und militärpolitischen Themen zu befassen. Das Angebot wird sehr intensiv genutzt, sowohl regional als auch überregional (z.B. über das Internet).

Der Militärhistorische Arbeitskreis unterstützt die militärhistorische und sicherheitspolitische Weiterbildung der Bundeswehr im Rahmen der verfügbaren Möglichkeiten. Die Mitglieder und Teilnehmer bekennen uns in aller Deutlichkeit zu den Grundwerten und der Verteidigungswürdigkeit unserer Demokratie.

Warum Militärhistorie für Reservisten?
Moderne Militärgeschichte betrachtet das Militär im gesellschaftlichen oder kulturellen Zusammenhang. Damit regt sie Soldaten zum Nachdenken über den eigenen Standort an. Bezogen auf das erweiterte Aufgabenspektrum der Streitkräfte kann sie dem Reservisten eine grundsätzliche Vorstellung von der Komplexität einer Situation und von möglichen Konflikten geben. Durch den Rückgriff auf Vergangenes und als Teil eines umfassenden Ausbildungsangebotes verbessert moderne Militärgeschichte die Voraussetzungen, die Gegenwart zu verstehen und offen, flexibel und kreativ mit zukünftigen Entwicklungen und Herausforderungen umzugehen.

Insbesondere das deutsche Militär und seine jüngere Geschichte wird einer kritischeren Betrachtung unterzogen als manche andere geschichtliche Erscheinung. Das betrifft die geschichtliche Rolle des deutschen Militärs insgesamt ebenso wie die zahlreichen Ereignisse und Entwicklungen oder bestimmte Personen. Die Spanne der Vorurteile reicht heute noch von unbefangener, blauäugiger Glorifizierung bis zu ebenso voreingenommener vollständiger Verdammung alles militärischen. Eine kontroverse Diskussion über Militärhistorie kann aber nur dann fundiert und möglichst objektiv stattfinden, wenn ein ausreichenden Maß an Grundlagenwissen vorhanden ist.

Ziel des Arbeitskreises ist es nicht, den Krieg zu verherrlichen. Der englische Historiker Liddell Hart hat einmal das Schlagwort geprägt: „Wenn du den Frieden wünschst, musst du wissen, was Krieg bedeutet.“ Militärgeschichte zeigt nicht, was geschehen wird, aber was geschehen könnte. Die Überschneidung von Ausbildung und moderner Militärgeschichte liegt dort, wo Soldaten unter Rückgriff auf Ereignisse der Grundlagenforschung historisches Orientierungswissen vermittelt wird. Ziel ist die Förderung analytischen Denkens, der Sensibilität im Umgang mit Konfliktsituationen und letztlich Urteilsfähigkeit und Eigenverantwortlichkeit.

Insbesondere in der heutigen Situation eines erweiterten Aufgabenspektrums deutscher Streitkräfte auf der internationalen Bühne ist es wichtig, sich historischer Zusammenhänge bewusst zu sein, um Zusammenhänge der Gegenwart besser zu verstehen und natürlich auch aus der Geschichte zu lernen und damit offen, flexibel und kreativ mit zukünftigen Entwicklungen und Herausforderungen umzugehen. Vielleicht ist mit der Integration der Bundeswehr in internationale Bündnisse das Ende der rein deutschen Militärgeschichte gekommen. Die Welt ist klein geworden. Es liegt aber auch im deutschen Interesse, dass die Streitkräfte unterschiedlicher Länder näher aneinander rücken und dass man die jeweilige Situation in internationalen Konfliktszenarien auch im Lichte der historischen Gegebenheiten versteht. Vor diesem Hintergrund ist zu hoffen, dass die Ergebnisse militärhistorischer Grundlagenforschung in der Bundeswehr verstärkte Beachtung findet.

Dipl.-oec. Ralph W. Göhlert, Leiter Militärhistorischer Arbeitskreis RK Ratingen