Mein Vater Gustav Göhlert an der Ostfront


Ein Einzelschicksal im Zweiten Weltkrieg


Diese Seite ist dem Andenken meines 1989 verstorbenen Vaters Gustav Göhlert gewidmet, der während des Zweiten Weltkrieges in der Deutschen Wehrmacht Dienst tat. Dieses Einzelschicksal soll beispielhaft für viele tapfere, untadelige Soldaten stehen, die ebenfalls aus schlichtem Patriotismus und Pflichtgefühl für ihr Land kämpften.

Jahrgang 1920, wurde mein Vater im Februar 1940 zu Beginn seiner militärischen Laufbahn zum Reichsarbeitsdienst ins Lager „Stüh“ bei Nordholz eingezogen. In der nachfolgenden Zeit tat er Dienst im besetzten Frankreich beim dortigen Luftzeugstab zum Bau von Feldflugplätzen.

Am 18.11.1940 erfolgte die Einberufung zur 10. Kompanie des I.R. 407, das in der Huckelrieder Kaserne in Bremen aufgestellt wurde und Teil der ebenfalls neu aufgestellten 121. (ostpreuss.) InfDiv war. Die Grundausbildung erfolgte im Munster-Lager in der Lüneburger Heide. Im März 1941 erfolgte die Verlegung des I.R. 407 nach Ostpreussen an die litauische Grenze im Gebiet Eydtkau, Trakehnen, Ebenrode mit Grenzsicherungsaufgaben.

OGefr Gustav GöhlertAls im Juni 1941 der Krieg mit Russland anfing, war mein Vater in vorderster Reihe bei der 10./I.R. 407 im Rahmen der Heeresgruppe Nord im Einsatz. Am 22. Juni 1941 erfolgte der Vorstoss über die russische Grenze bei Eydtkau, dann Vormarsch durch Litauen, über Kowno, Dünaburg, etwa 120 km an der Düna ostwärts entlang und Abschwenken nach Nordosten in Richtung Leningrad nach Durchbruch durch die Stalin-Linie.

Bei der Abwehr massierter russischen Angriffen auf dem Vormarsch dorthin im Raum Perelutschje- Beschanizi wurde mein Vater verwundet: Lazarettaufenthalt in Dünaburg vom 26.7.1941 bis 25.8.1941, danach wieder dienstfähig zur Truppe entlassen.  Inzwischen war die 121. InfDiv durch den Raum westlich Ilmen-Sees entlang des Wolchow-Flusses weiter in Richtung Leningrad vorgedrungen und mein Vater stiess bei Tossno wieder zur Truppe. Von hier aus waren es theoretisch noch drei Tagesmärsche nach Leningrad! Aber russische Gegenangriffe in diesem unübersichtlichen Wald- und Buschgelände verwickelten die deutschen Verbände so sehr in schwere Nahkämpfe, dass an ein schnelles Vorwärtskommen nicht mehr zu denken war. Ein zunächst gut vorankommender Angriff des I.R. 407 wurde jedoch durch schwere russische Panzer ins Stocken gebracht. Ausgesandte Stosstrups sollten den  Ungetümen zuleibe rücken, aber die begleitende russ. Infanterie wies sie ab. Die Angriffsbewegungen kamen nur langsam voran und hatten wegen der schwierigen Geländeverhältnisse nicht den gewünschten Erfolg. Die Truppe ging umsichtig vor, wenn die gegnerischen Stellungen mitunter erst auf 5m Entfernung zu sehen waren und das Schussfeld allerhöchstens 50m betrug. Das Vorgehen in diesem unübersichtlichen, unwegsamen Waldgebiet südlich der Ischora, das von den Russen mit Geschick und List verteidigt wurde, kostete schwere Verluste.

Beim Vorgehen gegen einen verbissen kämpfenden Gegner in den Waldgefechten des InfRgt 407 an die Ishora wurde mein Vater am 9.9.1941 bei Analowa durch Infanteriegeschoss- Durchschuss in der linken Hand verwundet. Es folgte Lazarettzeit in Melz, dann im Teillazarett Bornen. Nach Wiederherstellung per 2.1.1942 wieder kriegsverwendungsfähig, Einsatz bei der inzwischen arg dezimierten 10./ I.R. 407 im vordersten Graben vor Kolpino im Einsatzraum südlich von Leningrad. Hier festigte sich die Lage um die Jahreswende nach dem kritischen Festlaufen der deutschen Offensive im Norden und die schweren Kämpfe waren am Abklingen. Die Kampfhandlungen erstreckten sich in der Folgezeit auf die Abwehr russischer Aufklärungsvorstösse. Die Temperatur in diesem Winter sank auf barbarische minus 40 Grad, verbunden mit teilweise heftigem Schneetreiben und Oststürmen. Die Folge waren Erfrierungen sowie Funktionsstörungen an Waffen.

Mit Beginn der Schneeschmelze Frühjahr 1942 wurde im April die 121. InfDiv abgezogen und zu einen neuen Einsatzraum verlegt, dem Wolchow-Kessel, um den eingeschlossenen russischen Verbänden den Rückweg abzuschneiden. Mückenplage, ständiger Beschuss, Morast, Lehm und Schlamm formte einen besonderen Typ Soldat: den Wolchow-Kämpfer. Nachdem die “Erika-Schneise” geschlossen war, wurden über 30.000 russische Gefangene gemacht. Nach schweren Abwehrkämpfen und Verlusten wurde die 121. InfDiv im Juli 1942 in einen Befehlsbereich von der Ischora bis Puschkin verlegt. Im Rahmen der 1. Ladogaschlacht (8.9. - 20.10.1942) war die Einheit meines Vaters in schwere Kämpfe an der Tossna-Mündung bei Iwanowskoje verwickelt. Ansatz der Russen war, die deutsche Flaschenhals-Front, die sich bis zum Ufer des Ladoga-Sees hochstreckte und so die Versorgung Leningrads über den Wasser- oder den Eisweg erzwang, abzuschneiden und Leningrad wieder auf dem Landweg zugänglich zu machen.

Mein Vater wurde im Dezember 1942 zur 11. Kompanie, Grenadier-Regiment 283 versetzt, die der ausgebluteten 96. Infanteriedivision unterstellt war. Im Rahmen dieser Einheit nahm er an der 2. Ladoga-Schlacht teil (11.1. - 5.4.43), wo es um den wiederholten Versuch der Russen ging, eine Landverbindung zu erobern und so dem abgeschnittenen Leningrad zu helfen. Die Überwindung der Sinjawino-Höhen scheiterte an deutscher Gegenwehr. Bei den schweren Abwehrkämpfen eines russischen Durchbruchversuchs auf der östlichen Seite der Newa am Südufer des Ladogasees wurde mein Vater Ende Januar des Jahres 1943 verwundet: der Granatsplitter einer Panzergranate durchschlug sein rechtes Handgelenk.

Nach dieser letzten und schwersten Verwundung dann Februar – August 1943 Reservelazarett XXV  in Wien, II. Bezirk in der Feuerbachstrasse. Danach war mein Vater aufgrund der zurückgebliebenen Schäden nur mehr arbeitsverwendungsfähig und wurde zur Luftwaffen- Fliegerhorst-Kommandantur A 5/XI nach Lübeck-Blankensee versetzt, wo er in der infanteristischen Ausbildung von jungen Luftwaffen- und Flak-Soldaten bis Kriegsende Dienst tat, um sie auf einen Kampfeinsatz vorzubereiten. Im Zuge der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 löste sich der Fliegerhorst auf und mein Vater kehrte zu Fuss nach Bremen zu seinem Elternhaus zurück.

Nach einigen Wirren in Bremen angekommen wurde er als Kriegsgefangener der Amerikaner etwa eine Woche im Weserstadion festgehalten, bevor er endgültig entlassen wurde.

Mein Vater wurde während seiner Dienstzeit in der Wehrmacht für seine soldatischen Leistungen mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse (EKII), dem Infanteriesturmabzeichen, dem Verwundetenabzeichen für 3-malige Verwundung sowie mit dem sog. Gefrierfleischorden ausgezeichnet.

© 2000 Ralph W. Göhlert

Literaturempfehlung:

Hauptmann d.R. Dipl.-oec. Ralph W. Göhlert , Arbeitskreis Militärhistorie, RK Ratingen