
Die letzte deutsche Offensive
Nach dem Plan „Wacht am
Rhein“ lief am 16.12.1944 die letzte grosse Angriffsoperation der
Wehrmacht auf Befehl Hitlers zwischen Hohem Venn und Nord-
Luxemburg an.
Hitler hoffte nach den Niederlagen im Westen Zeit zu gewinnen und den Glauber der Alliierten an einen totalen Sieg zu erschüttern. Strategisches Ziel war die Wiedergewinnung der Initiative im Westen nach einer Reihe von Niederlagen und Defensivkämpfen, ermuntert durch den Erfolg bei der Abwehr der alliierten Luftlandung bei Arnheim. Die Alliierten würden nach einer Niederlage von der geforderten bedingungsslosen Kapitulation absehen und einen Separatfrieden akzeptieren. Der Durchhaltewillen des deutschen Volkes und in der Wehrmacht sollte gestärkt werden. Nach einer erfolgreiche Offensive im Westen wollte Hitler die erwartete russischen Winteroffensive zerschlagen und so das Kriegsglück wenden.
Das operative Ziel war die Ausschaltung von Antwerpen als den wichtigsten Nachschubhafen der Alliierten, das Abschneiden und die Vernichtung aller feindlichen Verbände nördlich der Linie Bastogne-Brüssel-Antwerpen.
Zu diesem Zweck sollten 30 Angriffsdivisionen im Schwerpunktangriff einsetzt werden, um 60 alliierte Divisionen von der Schelde bis zur Schweizer Grenze zu durchbrechen und eine starke feindliche Kräftegruppe zu vernichten.
Es wurden eine Anzahl
kampfkräftiger Truppen für diese Operation bereitgestellt:
Im Norden die 6. SS-Panzerarmee (Dietrich) mit 4 PzDiv und 5
InfDiv, die über Lüttich den eigentlichen Schlag gegen Antwerpen
führen sollte; im Mittelabschnitt die 5. Panzerarmee (Manteuffel)
mit 4 PzDiv und 4 InfDiv, die weiter südwestlich über die Maas
vorstossen, Lüttich nehmen und die 6. SS-Pz-Armee gegen Angriffe
von Südwesten schützen sollte; im Süden die 7. Armee
(Brandenberger) mit nur 4 InfDiv, die einen schützenden Schleier an
Manteuffels südlicher Flanke bilden sollte. Damit wäre dann die 21.
britische Armeegruppe unter Montgomery eingekreist und könnte im
zweiten Teil der Offensive vereinnahmt und vernichtet werden.
Dadurch, so hoffte Hitler, würden sich nicht nur die Kanadier,
sondern auch die Amerikaner aus dem Krieg zurückziehen, oder
jedenfalls nur noch an einer raschen Beendigung dieses Krieges
interessiert sein.
Den Oberbefehl hatte formal von Rundstedt, obwohl der GFM kaum an Planung und Durchführung beteiligt war. Die 250.000 deutschen Soldaten mit 1.900 Artilleriegeschützen aller Kaliber sowie 600 Panzern und Sturmgeschützen unterstanden der Heeresgruppe B (Model), die Luftsicherung übernahm das Luftkommando West mit 1.492 Jagdflugzeugen, 262 Bombern und Schlachtflugzeugen sowie 40 Aufklärern. Panzerdivisionen und Panzergrenadier-Divisionen waren von allen übrigen Kriegsschauplätzen abgezogen worden. Alle Ersatzlieferungen gingen nach dem Westen, anstatt - wie üblich - im Osten eingesetzt zu werden. Dieser Streitmacht gegenüber lagen 83.000 amerikanische und britische Soldaten mit 400 Artilleriegeschützen und 700 Panzern sowie 5.000 einsatzbereite Flugzeuge. Trotz des umfangreichen Aufmarsches gelang die fast völlige Überrumpelung des Gegners, der 1. (US) Armee (Hodges). Seitens des alliierten Oberkommandos erwartete man in diesem Frontabschnitt keinen deutschen Angriff; hier lagen ausgeblutete und neu angekommene amerikanische Einheiten zur Auffrischung.
Am frühen Morgen um 5:30 Uhr des 16.12.1944 begann die Operation mit einem gewaltigen Feuerschlag. Mit Hunderten von Scheinwerfern wurde im Abschnitt der 5. Panzerarmee das Vorfeld erleuchtet, als die deutschen Truppen an der Geisterfront zum Angriff antraten. Die Schlacht in den Ardennen war entbrannt. Die hier in Ruhe befindlichen Amerikaner wurden von diesen massierten Panzervorstössen völlig überrascht und zu Tausenden vereinnahmt. Womit niemand im alliierten Lager gerechnet hatte, das war eingetreten: Deutsche Divisionen wichen nicht länger zurück, sie griffen wieder an! Kurze Zeit später waren nicht weniger als fünf tiefe Einbrüche in den Frontabschnitten des VIII. und des V. (US) Korps erreicht worden. Die 7. (US) PzDiv kam zu diesem Zeitpunkt allein in Frage, in die Ardennen verlegt zu werden. Die mächtige Luftüberlegenheit der Amerikanischen Luftwaffe kam dank der schlechten Wetterverhältnisse nicht zum Tragen.
Bastogne wurde von deutschen Verbänden eingeschlossen und entwickelte sich zum Aptraum für die Amerikaner. Auf ihrem weiteren Vorstoss nach Westen erreichte die Panzer-Lehr-Division unter GenLt. Bayerlein den Raum südlich von Rochefort, während die 2. PzDiv bis auf fünf Kilometer an Dinant und damit an die Maas herankam. Die 2. SS-PzDiv war ebenfalls mit ihren mechanisierten Einheiten sehr weit vorgestossen, ehe sie aus Spritmangel liegen blieb. Schliesslich musste sie ihre Panzer sprengen und zu Fuss den Rückmarsch antreten. Die Spitzen der 2. PzDiv wurden vor Dinant zusammengeschossen, und am ersten Weihnachtstag 1944 musste sich auch die PzLehrDiv zurückziehen. Die Kraft und die Reserven hatten einfach nicht mehr ausgereicht, den Sieg der ersten Ardennen-Offensive von 1940 im selben Gebiet zu wiederholen. Jetzt stiessen die Amerikaner mit starken Verbänden gegen die deutschen Spitzen vor und drängten sie wieder auf ihre Ausgangsstellungen zurück.
Die Verluste auf beiden
Seiten waren enorm:
Die deutschen Verluste der Ardennenoffensive betrafen über 68.000
Mann. Die 5. PzArmee, 6. PzArmee, 7. Armee erlitten insgesamt
10.749 Tote, 22.388 Vermisste, 35.169 Verwundete. Demgegenüber
betrugen die alliierten Verluste über 77.000 Mann. Die 1. US Armee
verzeichnete 4.629 Tote, 12.176 Vermisste, 23.152 Verwundete, die
3. US Armee 3.778 Tote, 8.729 Vermisste, 23.017 Verwundete und das
im Norden tangierte XXX. Brit. Korps 200 Tote, 239 Vermisste, 969
Verwundete
Wenn auch die deutschen Truppen den erhofften Erfolg nicht erzielen konnten, so hatten sie jedoch eines bewirkt: Die alliierten Vorbereitungen zu einer Offensive ins Reichsgebiet wurden unterbunden und die in Elsass-Lothringen kämpfenden Einheiten der HGr. G konnten verlorengegangenes Gelände wieder zurückzugewinnen. Was allerdings am schwersten wog, war die Tatsache, dass diese Grossoffensive in den Ardennen jene Panzerverbände gekostet hatte, die die Rote Armee an der Ostfront hätten zurückschlagen können, als diese ab dem 12.1.1945 aus den Wechselbrückenköpfen zu ihrer Winteroffensive antrat, die sie direkten Weges bis nach Ostdeutschland und bis zur Oder bringen würde.
Den grossen, vielleicht doch noch kriegsentscheidenden Erfolg in den Ardennen hatte Hitler um Haaresbreite verpasst. Wäre die Ardennen-Offensive erfolgreich gewesen, hätte dies mit aller Wahrscheinlichkeit zu einem Rückzug aller US-Streitkräfte aus Europa geführt, wie die geschichtlichen Vorgänge dies andeuten. Dieser amerikanische Schritt war kein deutsches Wunschdenken, sondern Realität. Als sich die deutschen Truppen bedrohlich ihrem Ziel, der Maas, näherten, war am 27.12. 1944 der US-Kriegsminister Henry L. Stimson, zum Generalstabschef der US- Truppen, General George S. Marshall, gefahren und hatte diesen in seinem Arbeitszimmer gesprochen. Hauptthema dieses Gesprächs war die bange Frage, was geschehen musste, wenn es den Deutschen gelänge, den Kampf in den Ardennen zu ihren Gunsten zu entscheiden. Als Konsequenz zu einer solchen Niederlage hätte man ja eine Reihe neuer Divisionen ausrüsten und nach Europa schicken müssen, um diese Verluste auszugleichen. Ob aber der Kongress dieser weitreichenden Massnahme zugestimmt hätte, ob er in Kenntnis der verheerenden Niederlage dieser weitreichenden Massnahme beigepflichtet hätte, das war mehr als nur unwahrscheinlich. Wenn aber keine neuen Divisionen genehmigt worden wären, dann wäre nur noch ein schleuniger Rückzug der Reste des amerikanischen Expeditionsheeres aus Europa übrig geblieben.
Als Gründe für das Scheitern
der deutschen Ardennenoffensive können festgehalten werden:
- Kein rationales, generalstabsmässiges Kalkül, sondern
Verzweiflungsakt
- Treibstoffvorräte reichten nicht aus
- Logistik nicht durchgeplant
- Fehlende Luftüberlegenheit
- Unterschätzung des Gegners
Gesamt gesehen, handelte es sich bei der Ardennenoffensive aus dem Jahre 1944 um einen schlecht vorbereiteten, irrationalen Verzweiflungsakt. Es erscheint wahnwitzig, mit einer Offensive das weit gesteckte Ziel Antwerpen zerreichen zu wollen, wenn manche Panzerverbände lediglich Betriebsstoff für die ersten 60 km zur Verfügung hatten. Im Vergleich mit der logitischen Vorbereitung der Westoffensive von 1940 erscheint die Ardennenoffensive von 1944 nur ein Abklatsch wenn nicht sogar eine Persiflage dar.
Dipl.-oec. Ralph W. Göhlert , Militärhistorischer Arbeitskreis, RK Ratingen

