
Die Zeit des kalten Krieges ist zu Ende. Europa ist sicherer geworden. Die Zonengrenze als Zeichen der deutschen Trennung in Ost und West ist lange gewichen, wenngleich das Zusammenwachsen immer noch voranschreitet. Wir fliegen heute ohne Probleme nicht nur in die Metropolen Westeuropas, sondern Reisen in die Länder Osteuropas sind ebenso unproblematisch geworden. Als Inhaber eines deutschem Passes benötigt man – von Russland und Weißrussland einmal abgesehen – für keines der Länder im Osten Europas ein Visum mehr.
Von Düsseldorf sind es etwas weniger als zwei Stunden per Flugzeug nach Litauen, etwas mehr als zwei Stunden nach Lettland und etwas mehr in die Ukraine. Nach Moskau sind es mehr als dreieinhalb Stunden. Wo aber genau ist denn jetzt die Mitte Europas? Sicherlich irgendwo zwischen Portugal und dem Ural, ja, das weiß man.
Um die Frage gleich zu beantworten: Die geographische Mitte Europas liegt in Litauen. Mag das Baltikum in der Wertung unseres tagtäglichen Lebens am Rande Europas ein Schattendasein führen, bildet es das Zentrum Europas.
Baltikum – was ist das eigentlich?
Die baltischen Länder sind im Norden Estland mit der Hauptstadt Tallinn, in der Mitte Lettland mit der Hauptstadt Riga und im Südwesten Litauen mit Vilnius.
Kaunas, Litauen: Freiheitsmonument aus derDas Baltikum hat in den vergangenen Jahrhunderten eine wechselvolle Geschichte erlebt. Es war ein langer Weg vom Mittelalter über die Zeit als Provinz im russischen Zarenreiches. Nach der bolschewistischen Revolution von 1919 und dem Umsturz des Russischen Reiches erlebten die baltischen Länder eine kurze Phase der nationalen Eigenständigkeit, eine kulturelle und wirtschaftliche Blüte. Diese Unabhängigkeit fand mit dem Hitler-Stalin-Pakt ein jähes Ende, als sowjetische Truppen die baltischen Länder im Jahr 1939 besetzten und sie als sozialistische Republiken in die UdSSR eingliederten. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde nach kurzem Befreiungskampf im Jahre 1990 die Unabhängigkeit wieder erreicht.
Aber was hat das alles jetzt mit Sicherheitspolitik in Europa zu tun? Nun, der Zerfall des Warschauer Paktes und der Rückzug der sowjetischen Truppen aus den ehemaligen Satellitenstaaten Osteuropas ließ naturgemäß ein Machtvakuum zurück. Die baltischen Länder fühlten sich immer schon eher dem Westen zugetan als dem Osten. Die Nähe zum ehemals deutschen Ostpreußen und Lettland mit dem starken Einfluss der Baltendeutschen hatten immer schon das Verhältnis insbesondere zu Deutschland geprägt. Was also lag näher, als sich um eine Mitgliedschaft in der NATO zu bemühen? Das Sicherheitsbedürfnis der baltischen Staaten nach der Unabhängigkeit konnte unmöglich aus eigener Kraft erfüllt werden. Die Armeen der baltischen Länder waren sehr klein, gerätemäßig mit altem sowjetischen Gerät ausgestattet und in keiner Weise annähernd an einem NATO Standard. Luftstreitkräfte waren außer Hubschraubern nicht vorhanden und die Marine bestand lediglich aus einigen Küstenschutzbooten.
Meinen ersten Eindruck von der litauischen Armee hatte ich, als ich auf dem kleinen Flugplatz Palanga/Klaipeda (ehemals Memel) aus dem Turboprop-Propellerflugzeug stieg. Zur Bewachung des Flugzeuges auf dem Rollfeld zogen unvermittelt zwei Soldaten in einem Flecktarn-Kampfanzug mit G3 Sturmgewehren auf. Ebenso die Mütze erinnerte mich sofort vom Schnitt her an die Feldmütze der deutschen Bundeswehr. Als ich das litauische Hoheitsabzeichen am Oberarm wahrnahm, war mir klar, dass die Zeit der sowjetisch geprägten Uniformen in Litauen vorbei war. Litauen stellte seine Armee auf Heckler & Koch G3 Gewehre um, während Lettland die amerikanischen M16 übernahm einschließlich der Woodland-Tarnuniform. Lediglich die Lastwagen und weiteres Großgerät stammen noch aus sowjetischer Zeit und es wird wohl bei der Finanzdecke dieser Länder noch einige Zeit brauchen, bis eine NATO-einheitliche Ausstattung erreicht ist.
Wenn man jetzt jedoch meint, dass die deutsche Unterstützung der neuen litauischen Streitkräfte unverhältnismäßig groß ist, der irrt. Irgendwie tut man sich in Deutschland sehr schwer, offiziell als „Pate“ zu fungieren, wie es die USA ganz offensichtlich in Lettland machen. In der Anfangsphase nach der Unabhängigkeit gab es sogar eine deutsche Alarmstaffel der Luftwaffe zu Verteidigung des litauischen Luftraumes im Rahmen der NATO, aber diese Einheit hat längst wieder nach Deutschland verlegt. Ich hatte bei meinen diversen Gesprächen durchaus den Eindruck, dass man sehr gerne mit Deutschland zusammenarbeiten würde und bei der Suche nach einer neuen eigenen, europäisch ausgerichteten Identität die Nähe Deutschlands suchen würde. Bei meinen Reisen in die baltischen Länder fiel mir auf, dass sich insbesondere Litauen und Lettland sehr kooperativ zeigen, wenn es beispielsweise um gegenseitige Besuche von Reservistendelegationen geht.
Kürzlich war es eine Gruppe von deutschen Reservisten, die zusammen mit litauischen Soldaten einen alten deutsch-russischen Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg renoviert und neuangelegt hatten. Ein Beispiel, das Schule machen sollte. Es gibt auch lettische Vereinigungen, die sich in Kurland um die deutschen Soldatengräber aus der Zeit des sogenannten Kurlandkessels aus dem Jahre 1945 bemühen. Bekanntlich haben sich die in Kurland eingeschlossen deutschen Verbände des Nordabschnittes der Ostfront gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gegen heftige Angriffe der Sowjetischen Armee bis zum 8. Mai 1945 hier halten können – übrigens mit mehreren Divisionen lettischer Freiwilliger. Bei Unterzeichnung der Kapitulation sind die stark angeschlagenen und dezimierten Divisionen geschlossen in sowjetische Gefangenschaft gezogen, um dann das harte Los einer oft zehnjährigen sowjetischen Haft anzutreten. Die dabei ebenfalls gefangenen Letten traf ein besonders hartes Schicksal.
Warum ist das Baltikum eigentlich interessant für uns Deutsche und welche Rolle spielen die baltischen Streitkräfte für die Sicherheitspolitik Deutschlands und Europas? Der kalte Krieg ist vorbei und die Bedrohung durch die Sowjetunion ist längst Geschichte. Ist sie das wirklich? Zumindest in den baltischen Ländern ist der Eindruck der sowjetischen Herrschaft noch recht frisch, und man hat gemeinsame Grenzen zum heutigen Russland einschließlich der heutigen russischen Enklave Kaliningrader Gebiet – der nördliche Teil des ehemaligen Ostpreußens. Man hat durch die zentrale Lage zwischen Deutschland und Russland lange Zeit auf der politischen Andreasspalte zwischen Ost und West in der Geschichte oft genug schwierige Zeiten erlebt. Die baltischen Länder waren oft genug zum Zankapfel beider Großmächte geworden. Deutschland und Russland als Rivalen des Jahrhunderts haben lange Zeit auch den Einfluss auf die Staaten des Baltikums gesucht.
Hinzu kommt, dass Litauen, Lettland und Estland sind ab der Jahreswende 2007/2008 Teil des sogenannten Schengen-Gebietes sind und damit Außenstation der Europäischen Union. Eine herausragende Rolle spielen die baltischen Länder als Nordflanke der NATO, direkt an Russland angrenzend.
Zur Vertiefung dieses Themas wird im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Sicherheitspolitik und Militärgeschichte“ der Reservistenkameradschaft Ratingen ein multimedial unterstützter Vortrag in Lintorf stattfinden.